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Missionare auf Staatskosten

Nach Mord an Bibelschülerinnen im Jemen wächst die Kritik an staatlicher Ausbildungsförderung für christliche Sekten

Nach dem Mord an zwei Bibelschülerinnen im Nordjemen ist die Trauer groß. Rita Stumpp (26) und Anita Grünwald (24) waren Mitte Juni von Unbekannten in der nordjemenitischen Provinz Sa´ada erschossen worden. Ermordet wurde auch eine südkoreanische Missionarin. Durch den Mord wurde bekannt, dass in Deutschland mehrere der umstrittenen Missionarsschulen mit Steuergeldern gefördert und die Ausbildung durch das BAföG finanziert wird.

Die beiden jungen Frauen befanden sich im dritten Ausbildungsjahr der »Bibelschule Brake«, einem evangelikalen Verein im ostwestfälischen Lemgo. In der Provinz Sa´ada trafen sie nach Recherchen des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« Anfang Juni für ein Praktikum ein, um in einem Krankenhaus mit Hilfe der niederländischen Stiftung »Worldwide Services« ihren Missionsauftrag auszuführen. Nach ihrem Tod ist nun eine Debatte um den missionarischen Eifer der freikirchlichen Einrichtungen entbrannt, die für den Tod der Frauen womöglich mitverantwortlich sind.

Rückzahlfreie staatliche Ausbildungsförderung

Bei den zuständigen Behörden im westfälischen Kreis Lippe ist man sich anscheinend nicht bewusst, was für eine Institution da gefördert wird. »Wir glauben an Jesu leibliche Auferstehung«, heißt es in den Bekenntnissen der Evangelikalen aus Lemgo, »Seine Himmelfahrt, Sein Wiederkommen zur Entrückung der Gemeinde und Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches auf dieser Erde.« Seit der Gründung des eingetragenen Vereins »Bibelschule Brake« 1959 wurden rund 1800 Absolventen glauben gemacht, dass »die Ungläubigen zur ewigen Verdammnis auferstehen werden«. Aufgenommen wird, wer Abitur oder zumindest einen Hauptschul- oder Realschulabschluss mit anschließender Berufsausbildung vorweisen kann. Die Schule hält nach wie vor an der Wiedergeburt durch Erwachsenentaufe fest, glaubt an die leibhaftige Auferstehung von Jesu, verpflichtet die Ehefrauen von Schülern, die nicht ebenfalls an der Schule ausgebildet werden, zu einem wöchentlichen »Ehefrauenunterricht« und bildet junge Menschen auch zur Bekehrung Andersgläubiger zum Christentum aus. Wer zu Beginn des Studiums noch ledig und ohne Partner ist, darf ein sogenanntes Freundschaftsverhältnis erst zu Beginn des dritten Semesters beginnen.

Auf der Seite der »Bibelschule Brake« finden sich erstaunliche Details zur staatlichen Förderung der evangelikalen Missionare. 430 Euro im Monat kostet die dreijährige Ausbildung. Der Lemgoer Verein wirbt mit einer möglichen Finanzierung der dreijährigen Missionarsausbildung über das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG). »Übrigens«, so hieß es in dem Passus, »dieses BAföG muss nicht zurückgezahlt werden.« In der Internetpräsenz der Bezirksregierung Köln ist zu erfahren, dass im Fall der »Bibelschule Brake« das BAföG in Verbindung mit der sogenannten Kirchenberufsverordnung aus dem Jahr 1972 gezahlt wird. Im ersten Paragrafen werden mehrere klerikale Tätigkeiten als BAföG-berechtigt aufgeführt. Neben Kirchenmusikern und Seelsorgern wird auch der »Beruf« Missionar aufgeführt. Auch ein »Bibelseminar« in Bonn erhält daher Unterstützung aus Steuergeldern.

In der Lippischen Kreisverwaltung zeigte man sich auf ND-Anfrage erstaunt über die Unterstützung für den Verein »Bibelschule Brake«. Man werde diese Förderung prüfen, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Bei Experten trifft die staatliche Förderung der evangelikalen Ausbildungsstätten ohnehin auf Kritik. In den »Bibelschulen« werde die Unfehlbarkeit der Bibel gelehrt, sagt der Politologe und Soziologe Christoph Lammers von der Universität Dortmund. Andere Autoritäten und Instanzen würden daher konsequent zurückgewiesen. Der Staat müsse hier Vorsicht walten lassen, um keine Vereine zu fördern, »die sich explizit gegen das pluralistische Verständnis einer demokratischen Gesellschaft stellen«, so Lammers gegenüber ND. Die Bildung einer christlichen Parallelgesellschaft dürfe nicht mit Hilfe öffentlicher Gelder unterstützt werden.

Ergebnis des staatlichen Bildungsabbaus

Lammers sieht den Vormarsch der inzwischen zwei Dutzend Bibelschulen in Deutschland auch als Konsequenz aus dem Bildungsabbau. Die staatliche Finanzierung privater Bildungseinrichtungen komme dem Staat billiger, weil die Finanzierung in diesem Fall geteilt sei. Ein Großteil der Kosten werde zwar weiterhin aus der öffentlichen Hand bezahlt, ein kleinerer Teil aber vom Träger selbst. »Hier denken die Verantwortlichen, dass der Staat sparen kann«, sagt Lammers.

Dieses Problem wird nach dem Tod der beiden Bibelschülerinnen auch auf politischer Ebene gesehen. »Ich halte eine Förderung solcher Bibelschulen für hochproblematisch«, sagte der religionspolitische Sprecher der Linkspartei, Bodo Ramelow, gegenüber ND. Natürlich müsse jede Religionsgruppe frei für ihre Ansichten werben können. Es sei jedoch »nicht zulässig«, dass eine solche Missionsarbeit, wie sie von der »Bibelschule Brake« aus betrieben werden, staatlich gefördert wird. »Die Zeiten, in denen wir Märtyrer brauchen sind vorbei«, so Ramelow.

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