Nordafrika setzt nicht auf Desertec

Wenn der deutsche Hase kommt, ist der spanische Igel schon da

  • Von Günther Bading, Madrid
  • Lesedauer: 3 Min.
Während in Deutschland das Desertec-Konsortium gegründet wird, baut Spanien bereits Solarkraftwerke derselben Technologie in Marokko und Algerien. Desertec versteht man als Projekt der Mittelmeerunion. Und von der ist man im Maghreb kaum überzeugt.

Das in Mitteleuropa mit großer Euphorie gefeierte oder auch kritisierte Wüstenstromprojekt Desertec sieht man dort, wo es entstehen soll, gelassen. Die Gründung des Firmenkonsortiums, das die gigantischen Solaranlagen in den nordafrikanischen Wüsten bauen soll, um über Fernleitungen Europa mit Elektrizität zu versorgen, fällt mit dem Jahrestag der Gründung der Union für das Mittelmeer zusammen. Aus Sicht der Nordafrikaner kein sonderlich glückliches Zusammentreffen: Denn der Mittelmeerunion aus 43 Staaten gehört neben der EU und den arabischen Staaten außer Libyen auch Israel an. Der Gazakrieg im Januar lähmte den Aufbau der im Juni 2008 in Paris gegründeten Union – unter anderem stockte auch ihr »Solarplan«, zu dem Desertec gehört.

Die nordafrikanischen Mittelmeeranrainer haben ohnehin mehr den Ausbau der bestehenden, exportierenden und Gewinn bringenden fossilen Energiequellen im Visier. Die neue Gasleitung »Medgaz« von Algerien unter dem Mittelmeer hindurch an die Küste von Almeria in Südostspanien ist fertig. Im Herbst wird die Unterseepipeline in Betrieb genommen. Sie ergänzt bestehende Gasleitungen von Algerien durch Marokko, durch die Meerenge von Gibraltar nach Spanien, und durch das Mittelmeer nach Italien. Hinzu kommen Flüssiggasstationen, von denen nach Europa exportiert wird. Dazu kommt der Erdölexport von Algerien bis Libyen.

Gegen Solarkraftwerke hat man im Maghreb nichts einzuwenden. Allerdings setzt man da bisher auf bilaterale Vorhaben. So errichtet die spanische Firma Abengoa, die in Sanlúcar la Mayor bei Sevilla ein Solarkraftwerk betreibt, sowohl in Marokko als auch in Algerien derzeit zwei Hybrid-Kraftwerke. Sie kombinieren die Erdgasvorkommen der Region mit Solarkraftwerken. In Algerien sollen bei Hassi-R'mel 20 Megawatt aus Sonnenenergie gewonnen werden, im marokkanischen Ain-Ben-Mathar ebenfalls. Die beiden Anlagen werden die ersten Solarkraftwerke in der Sahara sein.

Die Kraftwerke dienen der Stromversorgung des eigenen Landes. Das sollte aus Sicht der arabischen Mittelmeeranrainer auch der Ansatz bei Desertec sein. »Die Deutschen wollen durch Desertec ihre Technologie verkaufen. Wichtig aber ist, was die Regierungen in Nordafrika dazu sagen. Und die arbeiten in einigen Fällen schon mit spanischen Firmen, die ihre eigene Technologie verkaufen«, erklärt Cayetano Lopez, Generaldirektor des Forschungszentrums für Energien, Umwelt und Technologien (Ciemat), das in Europa als führend gilt. »Algerien ist das nordafrikanische Land, das am entschlossensten auf thermosolare Technologie setzt«, sagte Lopez. Das Land wolle bis 2020 solche Produktionsanlagen mit sechs Gigawatt Leistung installieren. Darunter könnten moderne Anlagen sein wie das am 1. Juli eingeweihte solarthermische Kraftwerk Andasol 1 in der spanischen Provinz Granada. Mit einer Leistung von 50 Megawatt zählt es zu den größten Solarkraftwerken der Welt. Auf fast zwei Quadratkilometern stehen über 600 Parabolrinnen-Spiegel mit einer Fläche von über 500 000 Quadratmetern. Andasol 2 und 3 sind im Bau.

Die kommerzielle Desertec-Gründung – die Desertec-Stiftung geht auf eine Idee des Club of Rome von 2003 zurück – ist für die französischsprachige Presse Nordafrikas nur eine Randnotiz. Die wichtige algerische Zeitung »El Watan« hat am Montag als Titelgeschichte die außerordentlich gute Weizenernte gewählt. Dem Jahrestag der Gründung der Union für das Mittelmeer widmet sie im Innenteil zwei Seiten – allerdings überwiegend kritischen Inhalts. Der Solarplan der Union wird erwähnt, aber wenig beachtet.

Besonders kritisch geht man mit der Politik Israels um. Die Bomben auf Gaza vom Januar hätten auch die Mittelmeerunion beschädigt. Immerhin haben auch die arabischen Staaten an den Treffen der Umwelt- und der Finanzminister im Juni und Juli teilgenommen. Die marokkanische Zeitung »Le Matin« befasst sich nur mit der Frage, wer zum Jahresende Generalsekretär der Mittelmeerunion werden solle. Einen Sitz gibt es schon: Barcelona. Was daran erinnert, dass der »Barcelona-Prozess«, der eine Annäherung der EU und seiner Nachbarn südlich des Mittelmeers bringen sollte, nichts bewirkt hat.

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