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Visionen auf einem Quadratmeter Deutschland

Parteien können die Zukunft gestalten – im Maßstab 1:87

  • Von Reinhard Schwarz
  • Lesedauer: 3 Min.
»Utopia« oder »Schöne Neue Welt«? Ein außergewöhnliches Angebot erhielten die fünf im Bundestag vertretenen Parteien vor einigen Monaten vom Miniatur Wunderland in Hamburg. Sie könnten ihre politischen Ziele problemlos verwirklichen – allerdings auf einem Quadratmeter – und im Größenverhältnis 1:87.
Grüne Vision: Nutzung von Wind- und Sonnenenergie
Grüne Vision: Nutzung von Wind- und Sonnenenergie

Kurzum: Es sollte eine Mini-Republik entstehen nach den Vorstellungen der Parteien. Dort, wo früher Tee und Kaffee eingelagert wurden, in der Hamburger Speicherstadt, entstand vor neun Jahren eine originalgetreue Eisenbahnwelt, die mittlerweile von jährlich rund einer Million Menschen besucht wird.

Die Parteien ließen die Gelegenheit, sich dem Wähler quasi dreidimensional zu präsentieren, nicht ungenutzt. Planungsabteilungen, Parteivorstände und PR-Agenturen entwarfen Konzepte, Modellbauer des Miniatur Wunderlands begannen mit der Umsetzung. Noch ist vieles in der Entstehung, aber es gibt schon einiges zu bestaunen. Am 9. September wird die Ausstellung offiziell eröffnet.

Am weitesten fortgeschritten ist derzeit das Utopia der FDP. Der gestaltete Quadratmeter erinnert dabei an eine gutbürgerliche Gegend irgendwo zwischen »Lindenstraße« und »Marienhof«. So treffen sich Menschen auf einem Marktplatz, kaufen bei einer Waffelbäckerei und einem Milch- und Käseladen ein. Ein Blumenladen »M. Sauter« wirbt für sich, am Bahnhof fordert ein Geschäft zum »Schöner Schenken« auf. In einem Hinterhof feiern Bürger ein »Kulturfest«. »Oase der Freiheit« nennt die FDP ihr Wunderland.

Kämpferisch sieht hingegen das Konzept der LINKEN aus, an dem Modellbauer Sönke Freitag noch arbeitet. Hier durchschneidet eine Autostraße brachial eine Wohngegend mit Häusern aus der Jahrhundertwende. Volker Ludwig von der Agentur Dig Trialon, die für die LINKE arbeitet, ist extra aus Berlin angereist: »Unser Konzept lautet: ›Für Gerechtigkeit‹«. Kernstück der LINKEN-Vision ist ein Demonstrationszug, der an einem Bankgebäude und einem geschlossenen städtischen Theater vorbeizieht. »Wir wollen ein solidarisches Miteinander im Hier und Jetzt mit selbstbestimmten Lebens- und Wohnformen entwerfen«, so Ludwig. Ein besseres Leben im falschen also? Ebenfalls noch in Arbeit ist der Entwurf der Bündnisgrünen. Auffälligstes Bauwerk ist hier ein großer Windenergiepropeller, auf einen Dach sind Sonnenkollektoren angebracht.

Märchenhaft liest sich die Vision der SPD. »Es gibt einen Kindergarten mit vier Erzieherinnen und Erziehern und 30 Kindern, die einer Oma zuhören«, heißt es zukunftsfroh in dem Konzept. Über einem »kleinen Arbeitsamt« steht gar das Schild »Wir suchen Arbeitskräfte«, und über einem Gesundheitszentrum: »Alle sind willkommen«. Träumen darf man schließlich.

Mut zur Gigantomanie im Kleinen bezeugt der Vorschlag der CDU, den Wunderland-Sprecher Sebastian Drechsler erläutert: »Etwa 10 bis 15 000 Figuren in den Farben Schwarz, Rot und Gold bilden die Deutschlandfahne.« Zusätzlich stellen weißgekleidete Figürchen mittendrin ein großes »Wir« dar. Mögliche Botschaft: »Wir sind Deutschland?«

Die Vision der Schwesterpartei CSU klingt indes so herrlich abstrus, als wäre sie Mitarbeitern der Strategie-Abteilung nach dem dritten Weißbier eingefallen: »Die Säulen des Brandenburger Tors sollen mit weiß-blauen Rauten bemalt werden.« Statt der Quadriga soll die Bavaria das Tor zieren und drumherum wird ein bayerischer Biergarten aufgebaut. An den Tischen sitzen Menschen, auch Geschäftsleute mit Laptop. Im CSU-Konzept heißt es wörtlich: »Auf Knopfdruck soll Blasmusik ertönen, und die Trachtler sollen dazu um die Säulen herum tanzen.« Da stellt sich die Frage, ob bei der Entstehung der CSU-Vision außer dem Bier eventuell noch andere bewusstseinserweiternde Substanzen im Spiel waren?

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