Wen aber besiegen wir

Eliot Weinberger beim Internationalen Literaturfestival Berlin

  • Sabine Neubert
  • Lesedauer: 3 Min.

Er lebt in New York, doch er hat die ganze Welt im Blick: Eliot Weinberger. Mit seinem Band »Das Wesentliche« versucht er, 4000 Jahre Natur- und Menschheitsgeschichte zu überblicken – und hat dabei immer auch die heutige Gedankenwelt im Blick. Ein spannendes Thema für die Veranstaltungen im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin, in denen man den amerikanischen Autor am heutigen Samstag und am Montag live erleben kann. Wer das Buch gelesen hat, wird auf Erstaunliches gefasst sein.

Greifen wir aus dem reichen Fundus an Texten, Bildern, Erzählungen, Märchen, Mythen und Texten in den Texten einen Begriff heraus. Es ist der Begriff der »verborgenen Zeitspanne«. In dem so überschriebenen Kurzessay berichtet Weinberger von dem taoistischen Verständnis des Universums als »unendliche Folge von ineinander eingebetteten Zeitzyklen, die alle verschieden schnell drehen« und denen Markierungspunkte und Zahlen im taoistischen Ritual entsprechen. Am bekanntesten sind uns dabei die zwei Prinzipien Yin und Yang. Aber es gibt wesentlich mehr. Typisch für den Taoismus ist aber, so Weinberger, dass das System der Zahlensymbolik einen ihm innewohnenden Fehler aufweist: »ein Loch in der Zeit, genannt die Irrationale Öffnung«. Und nun wird der Text ganz poetisch: Geht man »in einem gewissen Augenblick in bestimmter Reihenfolge rückwärts durch die verschiedenen Tore«, kann man der Zeit entrinnen und betritt »die verborgene Zeit«, das sind »die heiligen Berge«, wo es Heilkräuter, magische Pilze gibt ... Da begibt man sich mit dem Autor zusammen auf die Suche nach einer sehr fernen Welt, nach dem verborgenen Sinn. Der Autor nennt es das Wesentliche. Und welche Tore der Weisheit tun sich da auf! Elixiere des Lebens und der Unsterblichkeit. Ein chinesischer Kaiser um 200 u. Z. hat mit solch mysteriösen Praktiken ganze Invasionsarmeen besiegt. Wen aber besiegen wir? Vielleicht nur uns selbst, aber das wäre ja schon viel.

Die Essays Weinbergers sind, in den unterschiedlichsten Zeiten, Kulturen, Religionen und Literaturen verortet, poetische »Öffnungen«, die den Blick hinter die Kulissen unserer so nüchternen, realen, oberflächlichen Welt ermöglichen, sie sind Palimpseste, brechen rationale Verkrustungen auf, lassen, um bei seinen Bildern selbst zu bleiben, Blütenbäume wachsen, Wüstenmusik erklingen, die Sonne im Jahreskreis durch Palasträume wandern oder Zaunkönige als heidnische, weibliche und damit unergründliche Wesen erscheinen. Aber das heißt nicht, dass sie irrational wären, ihre komperative Struktur hat Logisch-Überzeugendes. Die Schlüsse überlässt der Autor allerdings, wie es ein Dichter tut, dem Leser.

Der Umschlag nennt Weinbergers Essays zu Recht »Nachrichten« aus Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte. Zu einem großen Teil sind sie buddhistischer, taoistischer oder indianischer Überlieferung entnommen, aber auch anderen religiösen, philosophischen und literarischen Bereichen. Es gibt Essays zu Empedokles, Mohammed und über die Mandäer. Der dichteste Text ist ein großer Essay mit dem Titel »Vortex«, der dem Symbol des »Strudels« oder »Wirbels« nachgeht, bei tödlichen Aztekenpraktiken einsteigt, sich in die Werke von Pound, Melville und Poe begibt, Wirbelsymbolik in griechischer Philosophie, in der Bibel, in verschiedenen Religionen oder auch in psychologischen Bildern findet (Wir Naivlinge denken da natürlich an Freuds Wendeltreppe). Schließlich landen wir bei unserer DNA-Struktur, um am Ende ganz einfach eine Muschel in der Hand zu halten. So tauchen wir wirbelnd hinab und wieder hinauf in die reale Welt voller Zeichen.

Leicht ist das alles nicht zu lesen. Man braucht Zeit dazu. Aber man wird belohnt. Zum Beispiel mit einem Märchen aus der indischen Stadt Tirupati. Es hat den Titel »Der Blütenbaum«, erinnert ein bisschen an unser »Aschenputtel«, ist aber viel, viel schöner.

Eliot Weinberger: Das Wesentliche. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Berenberg Verlag. 216 S., geb., 24 €.

In der Sparte »Kaleidoskop« tritt Eliot Weinberger am Samstag, 22.30 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele auf und stellt sein Buch auch am Montag, 20 Uhr, im Literaturladen Wist in Potsdam vor.

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