Wer nie eine Wahl hatte, wählt nicht!
»Spiegel«-Journalist Gabor Steingart bricht in seinem neuesten Buch eine Lanze für den Nichtwähler. Nichtwählen sei eine Notmaßnahme und die Tatsache, dass 14 Millionen Menschen bei der letzten Wahl ihre Stimme nicht an der Wahlurne abgaben, kein Ausdruck von Nichtwissen, sondern eher das Gegenteil: bewusstes Verweigern, weil man sich von den Politikern an der politischen und gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen fühle.
Dieses Gefühl entstammt jedoch nicht dem Impuls des Augenblicks, quasi einer spontanen Regung des Lustprinzips, sondern ist Ergebnis eines langen, schleichenden Prozesses. Die zunehmende Wahlverweigerung hat viele Ursachen, ein Ursprung ist jedoch auch im Bildungssystem zu finden. Im unten stehende Interview kritisiert die Linkspartei-Politikerin Julia Bonk die willkürliche Zuweisung von Lebenschancen in der Schule. Die Entscheidung, wer später als Akademiker sein Auskommen haben wird und wer als Hilfsarbeiter die Straße fegen darf, wird durch das gegliederte, auf Selektion setzende Schulsystem vorbestimmt.
Die Willkür in der Zuweisung von Lebenschancen hat dabei Methode. Welche, das zeigte jüngst eine Studie der Universität Oldenburg. Lehrer, so das Ergebnis, schätzen das Bildungspotenzial von Kindern anhand der Vornamen ein – »Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose«, wird ein Pädagoge in der Untersuchung zitiert. Wessen Seele schon derart früh durch gesellschaftliche Autoritäten – zu denen Lehrer zweifelsohne genauso wie Politiker zählen – beschädigt wird, wird diese Verletzungen auch später im Leben nicht vergessen haben. Man braucht sich also nicht zu wundern, dass Kinder, die schon in der ersten Klasse erfahren mussten, dass diese Gesellschaft für sie keine Perspektiven bietet, sich als Erwachsene der Politik verweigern. Wer schon früh nie eine Wahl hatte, wählt auch später nicht! Wer daran etwas ändern will, kommt an einer Reform des Bildungswesens nicht vorbei.
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