Ein unsinniger Vorschlag

  • Von Bernd Niederland
  • Lesedauer: 3 Min.
Ein unsinniger Vorschlag

Die geplante Verkürzung des Zivildienstes von neun auf sechs Monate wirkt wie eine Idee, die von Theoretikern am Schreibtisch aufgesetzt wurde. Dieser Vorschlag wird den Aufgaben und auch der Bedeutung des Zivildienstes im sozialen Bereich nicht gerecht. Der Zivildienst ist ein »Dienst am Menschen«. Der Zivi übernimmt ergänzende Tätigkeiten im sozialen Bereich, ob beim »Essen auf Rädern«, im Krankentransport oder in der Unterstützung bei Betreuungsaufgaben. Das heißt: Es handelt sich um zutiefst menschliche Beziehungsarbeit – sei es in der Kindertagesstätte (Kita), im Altenheim, in einer Pflegeeinrichtung oder einem Krankenhaus. Sie ist an Vertrauen gebunden und braucht Zeit, damit Vertrauen und Verständnis entstehen und wachsen können. Zivildienst ist auch soziales Lernen. Dafür sind sechs Monate viel zu kurz.

Schon in den letzten Jahren hat der Zivildienst durch die verkürzte Einsatzzeit von 15 auf neun Monate an Wirksamkeit verloren. Von den geplanten sechs Monaten würden die Zivis ab 2011 nach Einarbeitungszeit, Urlaub und Weiterbildungstagen höchstens vier bis fünf Monate effektiv einsetzbar sein. Viele Einrichtungen und Institutionen fragen sich schon heute, ob sich der bürokratische und praktische Aufwand überhaupt lohnt, einen Zivi für so kurze Zeit aufzunehmen. So hat sich auch in der Volkssolidarität die Zahl der Zivildienstleistenden in den letzten 15 Jahren von knapp 2000 auf 280 verringert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer sozialen Dienste und Einrichtungen vermissen die Unterstützung durch die Zivis dort, wo sie weniger geworden ist oder bereits fehlt. Gerade im Pflegebereich sind zusätzliche Kräfte für körperlich schwere Arbeit immer willkommen. Auch aus Kitas ist das Echo für die Unterstützung durch die Zivis positiv. Für viele Kinder ist es auch eine gute Erfahrung, einen Mann neben den meist weiblichen Erzieherinnen kennen zu lernen.

Sollte sich die Idee, den Zivildienst zu verkürzen, durchsetzen, so könnten sich auch die Aufgaben der Zivis verändern: Weg vom Sozialen, hin zu eher technischen Hilfstätigkeiten. Ich bezweifle, dass der Zivildienst dadurch an Attraktivität gewinnen würde. Mit Sicherheit wird er aber seinem Grundgedanken, jungen Männern soziale Arbeit näher zu bringen und dadurch ihre sozialen Kompetenzen zu erweitern, nicht mehr gerecht.

Man mag es sich nicht wünschen, aber der Zivildienst junger Männer könnte zum Auslaufmodell werden. Der Rückgang des Zivildienstes im Bereich der sozialen Arbeit ist sozialpolitisch durch wirksame Alternativen auszugleichen. Reguläre sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze sollten verstärkt im sozialen Bereich geschaffen werden, auch durch öffentlich geförderte Beschäftigung. Wenn der Bund durch einen verkürzten Zivildienst tatsächlich bis zu 170 Millionen Euro einsparen sollte, könnten mit diesem Geld neue Arbeitsplätze geschaffen und gefördert werden. Freiwilligendienste, von öffentlicher Hand stärker als bisher finanziell unterstützt, könnten Aufgaben der Zivildienstleistenden übernehmen, solange sie keine reguläre Beschäftigung verdrängen. Die Verkürzung des Zivildienstes sollte nicht als eines der ersten Beispiele einer Sparmaßnahme im sozialen Bereich und im Gesundheitswesen der schwarz-gelben Koalition in die Geschichte eingehen, auch nicht als »Testballon«, wie weit man mit dem Sparen im Sozialen gehen kann.

Vielleicht bringt die aktuelle Diskussion rund um den Zivildienst auch die zum Teil schwierige Situation im Pflegebereich den politisch Verantwortlichen wieder etwas näher. Klar ist: Aus der Sicht der Volkssolidarität muss soziale Arbeit, ob in der Pflege, der Kinder- und Jugendarbeit, der Behindertenhilfe oder der Unterstützung sozial Benachteiligter, politisch und gesellschaftlich besser unterstützt, gefördert und anerkannt werden.

Dr. Bernd Niederland, Jahrgang 1947, ist seit 1997 Bundesgeschäftsführer des Sozial- und Wohlfahrtsverbandes »Volkssolidarität«. Er ist Diplomlehrer für Biologie und Chemie sowie Mitglied im Vorstand des Paritätischen Gesamtverbandes.

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