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Maxim Biller, als er selbst

Lustvolle Provokation: »Der gebrauchte Jude«

München 1982: der junge Biller geht lieber mit Prominententöchtern in den Englischen Garten als zum Studieren ins Germanische Seminar. Er schreibt einen Roman, und mit dem Manuskript im Gepäck entgeht er nur zufällig einer Kofferbombe, die am Flughafen explodiert. Der Roman erscheint trotzdem nie. Später, als Biller schon Erzählungen veröffentlicht hat, fragt ihn ein Literaturprofessor: »Was glauben Sie, gibt es eine jüdische Figur in einem deutschen Roman, mit der sich ein deutscher Leser identifizieren kann?« In seinem Selbstporträt »Der gebrauchte Jude« hat Maxim Biller alles getan, diese Figur zu werden.

Biller erzählt darin, wie er Journalist, Schriftsteller und politischer Provokateur in Deutschland wurde, gebraucht in jeder Bedeutung des Wortes. Denn nur benutzt fühlt er sich nicht, sondern nimmt die Rolle des Provokateurs bewusst in Kauf. 1960 in Prag geboren und mit zehn Jahren nach Hamburg gekommen, erlebt er sich als einen, der »in Deutschland nicht vorgesehen« ist. Wenn er erzählt, dass er Jude ist, erntet er Verwirrung. Antisemitismus hingegen erlebt er auch, wenn er einfach nur in der Bibliothek einschläft. Was der Mann, der ihn weckt, ihm ins Ohr sagt, erzählt Biller nicht, sondern fragt: »Woher wusste er, dass ich Jude war?«

Billers erster antideutscher Artikel, 1983, wird »wütend, logisch, beleidigend, betroffen«. Was in der Bundesrepublik der 1980er Jahre seine Wut speist und warum er beschließt, die von der Zeitschrift »Tempo« angebotene Kolumne »100 Zeilen Hass« zu schreiben, begreift man rasch.

Dass man das Buch nicht weglegt, liegt daran, dass Biller präzise und zugleich beiläufig von der alten Bundesrepublik berichtet. Das changiert zwischen Namedropping und Geschichtsstunde und wird diejenigen provozieren, die aus der alten BRD vor allem die Erinnerung an Nutella und Legoland mitgebracht haben. Biller erinnert sich, durchaus zustimmend, an mehr: »Es waren starke und harte jüdische Männer, die das neue Frankfurt errichtet hatten.« Im Frankfurter Häuserkampf hätten sie die »rechte deutsche Polizei anfahren und die linken deutschen Nazikinder aus den verfallenen Westendhäusern tragen« lassen. Doch als Frankfurter Juden gegen Fassbinders Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« protestieren, geht er lieber mit seinem Freund ins Bordell. Widersprüche sind Billers Stärke. Deshalb wird, wer es sich im neuen Deutschland nicht gemütlich gemacht hat, bei ihm Bestätigung finden, Zuspruch aber nicht.

Maxim Biller erzählt in »Der gebrauchte Jude« manchmal traurig und selbstverliebt, manchmal mit sich fast so hart ins Gericht gehend wie mit anderen. Wem wie Biller ein Roman wegen zu großer Wirklichkeitsnähe gerichtlich verboten wurde, der tut gut, es mit der Gattungsbezeichnung genau zu nehmen. Deshalb steht auf dem Titel das Wort Selbstporträt, nicht Roman, obwohl Billers knappe Art zu erzählen mehr wahr ist als realitätstreu. Beschwert hat sich bereits Henryk M. Broder, dessen Hund nicht struppig und schwarz gewesen sein soll, sondern mittelgroß und kurzhaarig.

Den Lesern kann es gleich sein. Für sie entscheidet sich alles daran, wie Biller Satz für Satz herzählt und binnen weniger Zeilen resümiert: »Wenn ich eine Meinung hatte, die anderen wehtat, liebte ich mich dafür. Das war schlimmer als Jähzorn, das war Sadismus. Ich wusste es noch nicht lange, und es tat mir selbst noch nicht weh.« Es mag sein, dass Billers Absätze immer auf den einen, letzten Satz hin konstruiert sind. Aber das ist auf bezwingende Weise schön. Wer sonst keinen Grund weiß, das Buch zu lesen, sollte es der Sprache wegen tun.

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