Die Kluft

Im Kino: »Invictus« von Clint Eastwood

So genannte Bio-Pics, das heißt filmische Biografien über mehr oder minder berühmte Menschen, produziert man in Hollywood gerne. Doch jede Biografie ist eine Interpretation und zudem schützt vermeintliche Authentizität nicht vor künstlerischem Scheitern. So drehte Bille August vor drei Jahren mit »Goodbye Bafana« einen ziemlich verkorksten Spielfilm über Nelson Mandela, der die Jahrzehnte währende Beziehung zwischen dem ANC-Führer und seinem Gefängniswärter schilderte und aus lauter Respekt vor der lebenden Legende im Pathos ertrank.

Für Pathos ist Clint Eastwood als Regisseur nicht verschrien. Er erscheint eher als realistischer Fatalist, der gern in die Abgründe der menschlichen Seele blickt. »Invictus«, sein Film über Nelson Mandela, behandelt die Jahre 1990-1995. Der Zuschauer begleitet den Helden vom Zeitpunkt seiner Entlassung aus drei Jahrzehnten Haft bis zu dem Jahr, als das südafrikanische Rugby-Team »springboks« die Weltmeisterschaften gewann.

Schon die ersten Bilder des Films machen die Kluft im Lande deutlich. Während auf einem satten grünen Rasen weiße Rugby-Spieler in adretten geringelten Trikots trainieren, spielen auf dem gegenüberliegenden staubigen Sandplatz schwarze barfüßige Jungen Fußball. Einige Jahre später, als der frisch gewählte und erste schwarze Präsident sein neues Quartier bezieht, fordert er die weißen Mitarbeiter seines Vorgängers zur Kooperation auf. Morgan Freeman gibt diesen Mandela mit weiser, manchmal dickköpfiger Güte, die jedoch nie peinlich wirkt. Die Bereitschaft, auf die ehemals verfeindete Seite zuzugehen, erwartet Mandela auch bei seiner engsten Entourage, seiner Leibgarde, die aufgestockt wird – durch weiße Beschützer.

Klug macht der Film die kulturellen Unterschiede zwischen schwarz und weiß in diesem Mikrokosmos deutlich. Nennen die schwarzen Bodyguards Mandela bei seinem Stammesnamen Madiba, bevorzugt das weiße Wachpersonal eine förmlichere Anrede. Sein Unverständnis für Fußball formuliert es mit dem Bonmot: »Fußball ist ein Sport für Gentlemen, der von Rowdys gespielt wird; bei Rugby ist es umgekehrt.«

Um den »Weißensport« im Lande populärer zu machen und die Versöhnung zwischen schwarz und weiß voranzutreiben, macht ihn der Präsident zur Chefsache. Der Kapitän der südafrikanischen Nationalmannschaft François Pienaar (Matt Damon) erweist sich als würdiger Verbündeter Mandelas, der sich den veränderten Machtverhältnissen gegenüber wesentlich aufgeschlossener zeigt als seine reaktionäre Familie. Also werden die Trainingseinheiten in die Townships verlagert und für alle erlebbar gemacht.

Außerdem entfaltet der Film nun das ganze filmische Potenzial des Sports. Hier kann Eastwood sogar Pathos wagen, wenn er die finale Begeisterung des gesamten Volkes für das immer erfolgreichere Team sowohl im Wohnzimmer- als auch im Stadionambiente bebildert. Beeindruckend inszeniert der Regisseur auch die eigentlichen Spielszenen, in denen die Kamera mitten in das Rasen-Geschehen hinein filmt und die aufeinander krachenden schweißgetränkten Körper der Athleten dem Zuschauer sehr plastisch vorführt.

Zwar ist Eastwood kein politischer Regisseur wie ein Spike Lee und verweigert sich Ideologien. Dennoch schaffte der Filmemacher es bereits in »Bird« (1988), seinen Film über den schwarzen Jazz-Musiker Charlie Parker, Rassismus unbeschönigt, aber subtil darzustellen. In »Invictus – Unbezwungen« greift er sogar auf ein Symbol zurück, nämlich das Titel gebende Gedicht des südafrikanischen Dichters William Earnest Henley. Es hat Mandela in seiner Haftzeit gestärkt und öffnet dem Rugby-Kapitän die Augen für die jahrzehntelange Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung. Den Schlussvers des Gedichts können beide Protagonisten für sich in Anspruch nehmen: »Ich bin der Meister meines Schicksals/ Ich bin der Kapitän meiner Seele.«

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