Brücken schlagen

Troubled Water von Erik Poppe

  • Von Angelika Nguyen
  • Lesedauer: 4 Min.

Wegen guter Führung wird Jan Hansen nach acht Jahren vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, wo er wegen eines schweren Verbrechens, das er als Jugendlicher begangen hat, einsaß. Fortan lebt er unter seinem zweiten Vornamen Thomas, bekommt eine Stelle als Organist und eine Wohnung, verliebt sich in die alleinerziehende Pastorin Anna, kümmert sich um ihren Sohn.

Das sieht erst einmal wie eine erfolgreiche Wiedereingliederungsgeschichte eines Ex-Häftlings in die Gesellschaft aus, wären da nicht die surrealen Szenen, von denen Jan Thomas verfolgt wird und die sich stets im Wasser abspielen. Und wären da nicht die Momente, in denen Thomas die gesamte Kirche mit seinen schmerzlich aufgewühlten Interpretationen an der Orgel erbeben lässt und die Menschen da unten in seinen Bann zieht. Ob Hochzeiten, Konfirmationen oder Schulklassenbesuche, Jan Thomas’ ungewöhnliches Spiel berührt die Menschen.

Rückblenden setzen das Verbrechen von damals Stück für Stück zusammen. Jan Thomas hatte gemeinsam mit einem Kumpel einen kleinen Jungen entführt, weil sie an die Tasche im Kinderwagen herankommen wollten. Unter ungeklärten Umständen starb das Kind. Eines Tages berührt Jans Orgelspiel zufällig den einen Menschen, dem er auf keinen Fall je begegnen wollte und den er aber, wenn er geheilt werden will, wieder treffen muss: die Mutter des toten Jungen, den er damals entführt hatte. Das weiß Jan aber noch nicht. Auch das Publikum weiß es noch nicht. Vielmehr wird die Geschichte bis zu der Stelle weitererzählt, als plötzlich der kleine Sohn der Pastorin verschwindet, jener Junge, den er manchmal aus dem Kindergarten abholt … Wurde er entführt? Von wem? Wiederholt das Schicksal Jans Tat, nur diesmal mit vertauschten Rollen?

An dieser Stelle gibt es im Film einen kühnen erzählerischen Sprung. In der dramaturgisch gekonnt durchgebauten Geschichte erfolgt ein kompletter Perspektivwechsel von Jan, dem Täter, zu Agnes, der Mutter des Opfers. Dieselben Episoden, die bereits zu sehen waren, auch der Tathergang von damals, werden nun aus ihrer Sicht neu geschildert. Auch sie hat sich nach dem Tod ihres Kindes ein neues Leben mit zwei Adoptivkindern aufgebaut. Dem Alltag der verwaisten Eltern Agnes und Jon gibt der Film behutsam viel Raum, allmählich wird die dramatische Verbindung zu Jan wieder aufgebaut.

Mittelpunkt der Spannung in diesem zweiten Teil wird der Konflikt zwischen Jan, der sich an seine Tat nicht erinnern will, und Agnes, der Mutter, die sie nicht vergessen kann. Sie verfolgt ihn, sucht die Konfrontation, warnt wie besessen andere Menschen lautstark vor ihm, verkündet überall, er hätte ihr Kind getötet. Auf Jans stoische Antwort, es wäre ein Unfall gewesen, reagiert sie aggressiv. Die Beharrlichkeit der Figur spiegelt die Tiefe ihres Schmerzes. Da gibt es noch etwas zu klären zwischen ihr und Jan. Die Liebesgeschichte mit der hübschen Pastorin verblasst vor dieser leidenschaftlichen Jagd einer traumatisierten Mutter auf den mutmaßlichen Mörders ihres Kindes.

Eins der Lieder, die Jan in aufgewühlt-mitreißender Art auf der Orgel spielt, ist der Klassiker »Bridge Over Troubled Water« von Simon & Garfunkel, der dem Film seinen Titel gab. Wasser ist auch visuelles Leitmotiv des Films, verwandelt sich ständig. Immer wieder durchdringt die Kamera das dunkle Flusswasser, wo der Junge ertrinkt, schwimmt mit Agnes im Schwimmbecken oder taucht im Gefängnis mit Jan brutal ins Abwaschwasser unter. Wasser als Bedrohung, aber auch als Trost. Über das Wasser Brücken zu schlagen ist die Herausforderung an die Figuren des Films, über sich hinauszuwachsen, die Perspektive zu wechseln.

Der junge norwegische Schauspieler Pal Sverre Valheim Hagen spielt Jan Thomas extrem intensiv und trägt mit seiner Darstellung entscheidend zur geradezu soghaften Wirkung des Films bei. Dafür wurde er mit dem norwegischen Filmpreis ausgezeichnet. Beeindruckend als Widerpart auch Trine Dyrholm als Mutter Agnes. Regisseur Erik Poppe hat mit »Troubled Water« einen modernen Film über ein altes Thema geschaffen. Ein Film über Schuld und Sühne, Hass und Vergebung, ein Film über die Liebe.

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