Gute Pädagogen wahren Distanz

Erziehungswissenschaftler: Sexuelle Gewalt gegen Kinder hat nichts mit Institutionen zu tun

  • Lesedauer: 3 Min.
Volker Ladenthin
Volker Ladenthin

ND: Inwiefern lenkt die öffentliche Debatte um sexuell gewalttätige Priester oder den Machtmissbrauch durch Erzieher an Internaten von den viel größeren Fallhäufigkeiten innerhalb von Familien und Nachbarschaften ab?
Ladenthin: Wenn man in einer Sendung wie »Germany's next Topmodel« sieht, wie 16-jährige Mädchen aufgefordert werden, nur mit einem Bikini bekleidet durch einen ICE zu stöckeln, dann kann man fragen, ob hier Missbrauch von Jugendlichen sogar unter den Augen der Öffentlichkeit stattfindet. Solange man derlei sogar noch mit Werbung finanziert und im Fernsehen mit dem Hinweis auf die tolle Quote zeigt, hat die Empörung über die anderen Missbrauchsfälle etwas von Scheinheiligkeit und Heuchelei.

Wie meinen Sie das?
Man hat das Gefühl, als solle jetzt eine alte Rechnung beglichen werden: Endlich hat man ein Thema allgemeiner Abscheu gefunden und kann es der Kirche anhängen. Wer etwa verlangt, »die Kirche« oder der Papst müsse sich bei »den Opfern« für den Missbrauch entschuldigen, führt die antike Kollektiv-Strafe wieder ein. Niemand verlangt zum Beispiel vom DFB, sich bei »den Fans« zu entschuldigen, weil sich Spieler einer Mannschaft haben bestechen lassen. Die Schuld liegt stets bei den Einzeltätern – nur dort. Sie haben das Vertrauen einer Institution rücksichtslos missbraucht; sie haben Menschen verletzt.

Rückt die gegenwärtige Debatte um Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule und anderen Internaten diese Schulform Ihrer Meinung nach in ein unverdient schlechtes Licht?
Das Internat als Institution ist nicht anfälliger für sexuellen Missbrauch als andere Institutionen – denken wir nur an die jüngsten Vorfälle bei den Gebirgsjägern der Bundeswehr.

Bergen Internate durch das Zusammenwohnen von Lehrern und Schülern nicht doch ein überdurchschnittliches Missbrauchsrisiko?
Die pädagogische Theorie, wie ich sie vertrete, hat immer ganz großen Wert auf die Unterscheidung von Beziehung und Erziehung gelegt: Eltern haben zu ihren Kindern eine emotionale Beziehung, die Körperkontakt einschließt; Internatserzieher hingegen müssen sich auf die professionelle Erziehung beschränken, auf pädagogische Distanz: Zuhören und Beraten, mehr nicht! Sie müssen eine scharfe Grenze zwischen Lern- und Lebenswelt ziehen. Erzieher, die stets diese professionelle Haltung beachten, begehen keinen Missbrauch.

Halten Sie kirchlich geführte Internate für missbrauchsträchtiger als weltlich geführte Einrichtungen?
Nein. Auch hier gilt: Die Verfehlungen und Vergehen sind individuell bedingt, nicht durch Institutionen oder Lebensformen.

Erhöht der Zölibat aber nicht doch das Risiko für Kinder oder Schüler, Opfer eines sexuell motivierten Übergriffs zu werden?
Grundsätzlich nicht: Denn der Zölibat ist ja eine bewusste Entscheidung. Aber natürlich gibt es auch hier Menschen, die gegen die eigene Entscheidung leben.

Wie kann die Leitung eines Internats das Risiko sexuellen Missbrauchs so weit wie möglich eindämmen?
Sexuelle Übergriffe liegen nicht in der menschlichen Natur begründet. Es sind unmoralische Handlungen, nicht einfach entschuldbare Triebtaten. Sie nutzen aus, dass Kinder sich nicht angemessen gegen Erwachsene wehren können – hier: intellektuell wehren können. Deswegen kann ein Internat seine Bewohner sehr gut gegen möglichen Missbrauch schützen: Risikominderung kann durch klare Regeln für den Alltag, eine genau definierte Erzieher- und Erzieherinnenrolle, eine gute Ausbildung und regelmäßige Weiterbildung erfolgen. Eine kluge Internatsleitung weiß im Voraus um mögliche Konflikte – und spricht sie angemessen und regelmäßig mit den Erzieherinnen und Erziehern an. So haben wir mit unserer Forschergruppe Internate übrigens auch kennen gelernt.

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