Von Regensburg in die Traufe

Der Fall des britischen Holocaustleugners Richard Williamson wird heute vor Gericht verhandelt / Wie ein Unbelehrbarer einen Unfehlbaren in eine fundamentale Krise stürzte – und wie er ihn weiter vorführt

Der Protagonist fehlt beim Prozess. Doch wenn das Amtsgericht Regensburg an diesem Freitag den Fall des Holocaustleugners Richard Williamson verhandelt, ist ein anderer durchaus präsent, auch wenn er physisch ebenfalls absent ist: Papst Benedikt XVI.

Regensburg – Ort der Wenden. Die erste war 1969, als Professor Joseph Ratzinger wegen des unbotmäßigen Aufbegehrens der Studenten Tübingen verließ und in die idyllische ostbayerische Stadt wechselte, deren Alma Mater seiner akademischen Karriere neuen Drive gab. Auch nach seiner Wahl zum Papst blieb Ratzinger Honorarprofessor der dortigen Katholisch-Theologischen Fakultät.

In dieser Eigenschaft hielt Benedikt XVI. im September 2006 eine Vorlesung an der Universität Regensburg – eine weitere Wende. Camoufliert als Zitat eines mittelalterlichen byzantinischen Kaisers attestierte der Papst dem Propheten Mohammed, dieser habe nichts Neues, »nur Schlechtes und Inhumanes« gebracht. Millionen Muslime fühlten sich brüskiert.

Bei der dritten, wohl weitreichendsten Wende agierte neben dem Unfehlbaren in Rom noch ein Unbelehrbarer: der Engländer Richard Williamson, Bischof der Priesterbruderschaft St. Pius X.

Im Interview des schwedischen TV-Senders Sveriges Television AB bestritt Williamson die Existenz von Gaskammern in den Vernichtungslagern der Nazis. Aufgenommen wurde das Gespräch im Priesterseminar der Pius-Bruderschaft in Zaitzkofen – gleich bei Regensburg. Es gibt eben Zufälle, die passen. Denn nach dem Eklat vom September 2006 brachte dieses neuerliche Regensburger Fiasko Benedikt XVI. endgültig in die politische Traufe.

Als das schwedische Fernsehen am Abend des 21. Januar 2009 das Interview ausstrahlte, hatte am selben Tag das Oberhaupt der katholischen Kirche bereits einen folgenschweren Schritt vollzogen: Benedikt hatte die im Jahr 1988 von Johannes Paul II. gegen Williamson und drei weitere Bischöfe der Piusbruderschaft verhängte Exkommunikation aufgehoben. Das Quartett war seinerzeit durch den von Rom abtrünnigen Gründer der Traditionalistentruppe, Erzbischof Marcel Lefebvre, gegen den Willen das Papstes zu Bischöfen geweiht worden. Nunmehr hatte der deutsche Papst durch den Akt der Rehabilitation seinen Drang zur raschen Rückführung der ebenso reaktionären wie frommen Formation in den Schoß der Una Sancta demonstrativ bekundet.

Die Informationspanne, auf die sich der Vatikan in Sachen Williamson berief, konnte kaum überzeugen. Möglich, dass der Inhalt des bereits Anfang November 2008 aufgezeichneten Interviews tatsächlich zuvor nicht durch die Leoninischen Mauern gedrungen war. Indes: Aus seiner Leugnung der Judenvernichtung hatte der 1940 in London geborene Prälat nie ein Hehl gemacht. So bereits 1989, als er bei einer Predigt im kanadischen Sherbrooke behauptete, die Juden hätten den Holocaust erfunden. Auch Williamsons unterhalb der justiziablen Schwelle befindlichen Aussagen hätten im Vatikan alle Alarmlampen leuchten lassen müssen, so diese aus dem Jahr 2000: »Seit zweitausend Jahren haben die Juden nichts unversucht gelassen, die katholische Kirche zu unterwandern und Christus aus dem Christentum zu entfernen.«

Doch unverhohlener Antisemitismus und Antijudaismus, der im Übrigen auch zwei anderen der vier rehabilitierten Bischöfe sowie weiterem Personal der Piusbruderschaft bescheinigt wird, ist für Benedikt XVI. offenbar kein Problem. Er sieht dies wohl als zwar unerfreuliche, aber kaum vermeidbare Begleiterscheinung seines Kampfes gegen die vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) eingeleitete Reform der katholischen Kirche. Immerhin erbrachte Ratzinger selbst eifrig Vorleistungen für die Pius-Leute und andere Reaktionäre. So die Aufwertung der lateinischen Messe und vor allem die darin von ihm persönlich eingefügte Fürbitte für die Juden, die in demonstrativer Weise hinter die nachkonziliare Fassung von 1970 zurückgeht.

Kein Wunder, dass Richard Williamson den Teufel tut, den von vatikanischen Würdenträgern händeringend gewünschten Widerruf zu leisten. Im Gegenteil: Der seit seiner Ausweisung aus Argentinien im Londoner Domizil der Piusbruderschaft lebende Traditionalistenbischof ließ es sich in den vergangenen Monaten nicht nehmen, seinen päpstlichen Wohltäter weiter kräftig vorzuführen. »Dass die sechs Millionen Vergasten eine Riesenlüge darstellen«, ist für ihn nach wie vor »Tatsache« – eine Äußerung, die im Vereinigten Königreich straffrei ist. Wie auch in Schweden. Weshalb einzig die Aufnahme des Interviews in Deutschland zur Strafverfolgung sowie zur Verhängung eines Strafbefehls über 12 000 Euro führte. Da Williamson diesen ablehnte, kommt es nun vor dem Amtsgericht Regensburg zur öffentlichen Verhandlung wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung.

Ungeachtet der Tatsache, dass der Beklagte nicht persönlich erscheint und sich durch seinen Anwalt vertreten lässt, werden zur Gerichtssitzung an diesem Freitag die Berichterstatter von rund 40 Redaktionen der Print- und Funkmedien des In- und Auslandes erwartet. Ein Medienaufgebot, das die Stadt an der Donau zuletzt beim Besuch des Papstes und seiner folgenreichen Rede im September 2006 erlebte. Zugleich ein drastischer Hinweis auf den tiefen Fall des Heiligen Vaters in der Gunst der Gazetten – maßgeblich ausgelöst durch einen notorischen Holocaustleugner. Wahrlich ein Danaergeschenk für Joseph Ratzinger. Denn der begeht heute in Rom seinen 83. Geburtstag.


Piusbrüder

  • Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1970 von dem Erzbischof Marcel Lefebvre (1905-1991) mit dem Ziel gegründet, an Lehren und Riten der römisch-katholischen Kirche festzuhalten, die das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) aufgegeben hatte.
  • Die Vereinigung hat sich nach Papst Pius X. benannt. Der Italiener war von 1903 bis 1914 Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Er ging als »konservativer Reformpapst« in die Geschichte ein und wurde 1954 heiliggesprochen.
  • Seit 1975 fehlt der Bruderschaft der kanonische Status, also die offizielle Anerkennung, in der katholischen Amtskirche.
  • 1988 wurden vier geweihte und zwei weihende Bischöfe der Bruderschaft von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert. Benedikt XVI. hob 2009 die Exkommunikation der Geweihten auf, darunter der Holocaustleugner Richard Williamson.
  • Die Zahl der Gläubigen, die sich zu der Bruderschaft bekennen, ist umstritten. Nach Angaben von Kardinal Dario Castrillon Hoyos gehören ihr etwa 600 000 Personen an. Andere Quellen sprechen von rund 150 000 Piusbrüdern.
  • Die Bruderschaft gründete ihr erstes Priesterseminar vor 40 Jahren. Fünf weitere kamen bis heute dazu. Die Vereinigung unterhält 86 Schulen und 450 Messzentren. Das Generalhaus ist in Menzingen (Schweiz).
  • In der Bundesrepublik befinden sich etwa 42 Priorate (Niederlassungen und Kapellen) der Piusbrüder. Sie betreiben ein Kloster, ein Altenheim, ein Schwesternnoviziat und fünf Privatschulen. Die Zahl der deutschen Pius-Priester wird mit etwa 50 angegeben.
  • Seit 1994 ist der Schweizer Bernard Fellay Generalsuperior der Bruderschaft. Er wurde 1982 von Lefebvre zum Priester geweiht. (nach Wikipedia)


Foto: November 2007: Richard Williamson im vollen bischöflichen Ornat, den er wohl so bald nicht wieder tragen wird, vor der Kirche Santa Rita de Mercedes in der argentinischen Provinz Corrientes. Williamson hatte ein Pius-Priesterseminar in La Reja westlich von Buenos Aires geleitet. Diese goldenen Zeiten sind vorbei. Die Regierung Argentiniens hatte den Skandalprediger Anfang 2009 wegen der Holocaustleugnung aus dem Land komplimentiert. Ihm wurde mit Abschiebung gedroht, falls er nicht freiwillig gehe. Nun lebt Williamson wieder in seiner englischen Heimat.

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