Berlusconi: Bücher über Mafia schaden

Schriftsteller Roberto Saviano steht auf persönlicher Liste des italienischen Premiers

Wer über die Mafia schreibt, schadet dem Ansehen Italiens. Dies hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi während einer Pressekonferenz in Rom erklärt. Die Reaktionen blieben nicht aus.

»Die italienische Mafia«, so sagte Berlusconi gerade während der Präsentation der angeblichen Erfolge seiner Regierung beim Kampf gegen die Organisierte Kriminalität, »ist die sechstgrößte Verbrecherorganisation in der Welt. Aber tatsächlich ist sie auch die bekannteste. Und das dank Unterstützung der Fernsehserie ›Allein gegen die Mafia‹, die in 160 Ländern ausgestrahlt wurde. Und dank einer gewissen Literatur wie ›Gomorrha‹«. Und das sei schlecht für das Ansehen Italiens in der Welt und würde das Land in Misskredit bringen.

Ein »Ausrutscher« ist diese Erklärung sicher nicht. In den letzten Jahren hat Berlusconi mehrmals gesagt, er würde gerne die Autoren der TV-Serie »Allein gegen die Mafia« und ähnlicher Produkte »mit seinen eigenen Händen erwürgen«. Dass jetzt auch Roberto Saviano auf seiner persönlichen Abschussliste steht, ist nur folgerichtig. Schließlich hat der neapolitanische Schriftsteller seinen Roman über Machenschaften, Macht und Gewaltbereitschaft der neapolitanischen Camorra – aber auch über den zivilen Widerstand dagegen – mit einer Gesamtauflage von fast sechs Millionen in 43 Ländern verkauft. Und der danach gedrehte Film »Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra« wurde auf vielen Festivals preisgekrönt und zog eine Unmenge von Zuschauern in die Kinos. Die Camorra selbst sieht Saviano nicht als »Sponsor«, sondern als erbitterten Feind: seit Erscheinen seines Buches hat der 31-Jährige unzählige Morddrohungen erhalten und lebt unter strengem Polizeischutz.

Natürlich hat die Äußerung Berlusconis zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Anna Finocchiaro, Fraktionsvorsitzende der Demokratischen Partei im italienischen Senat, erklärte dazu: »Jetzt fehlt nur noch, dass der Ministerpräsident die Richter, die Ordnungskräfte, die Organisationen gegen die Schutzgelderpressung und all diejenigen anklagt, die gegen die Organisierte Kriminalität kämpfen.« Und Walter Veltroni, ebenfalls von der Demokratischen Partei, betonte: »Roberto Saviano ist einer der Protagonisten im Kampf gegen die Mafia, und der Ministerpräsident hätte eigentlich die Pflicht, ihn zu respektieren und nicht ihn anzugreifen oder zu isolieren.«

Zwei Umstände machen die Erklärungen von Berlusconi noch besonders brisant. Zum einen, dass just am gleichen Tag in einem Berufungsprozess die Staatsanwaltschaft eine Strafe von elf Jahren Haft wegen Begünstigung der sizilianischen Mafia für Marcello dell'Utri forderte, der seit vielen Jahrzehnten der engste Vertraute und Partner von Berlusconi ist. Und zum anderen, dass das Buch »Gomorrha« in Italien beim Verlag Mondadori erschienen ist, der zu Berlusconis Medienimperium gehört und von Berlusconis Tochter Marina geleitet wird. Roberto Saviano und auch andere Autoren denken jetzt laut darüber nach, ob sie mit diesem Verlag weiter zusammenarbeiten können und wollen. Saviano selbst schreibt in einem offenen Brief: »Nach den Worten von Berlusconi besteht die Gefahr, dass sich die Idee durchsetzt, dass alle diejenigen, die über Mafia schreiben, die Mafia damit begünstigen. Das wäre so, als würde man sagen, dass ein Buch über Krebsforschung den Krebs verbreitet«.

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