Maskuline Identitäten

Die türkische Soziologin Pinar Selek über Militär und Männlichkeit

  • Haidy Damm
  • Lesedauer: 3 Min.
In der Türkei geht es bereits in die vierte Auflage, jetzt ist es auch auf deutsch erschienen: Das Buch »Zum Mann gehätschelt. Zum Mann gedrillt. Männliche Identitäten« der türkischen Soziologin Pinar Selek bezieht deutlich Stellung gegen den Militarismus.

In 58 Interviews erzählen Männer von ihren Erlebnissen während des Militärdienstes. Sie beschreiben, wie ihre Persönlichkeit gebrochen wird, damit sie in der Hierarchie der Autoritäten funktionieren. Selek reiht den Militärdienst dabei in eine Reihe von fünf einschneidenden Erlebnissen ein, die einen Menschen »zum Mann machen«: 1. Beschneidung, 2. Militärdienst, 3. Arbeit finden, 4. Heirat und 5. Vater (eines Sohnes) werden.

Für die Soziologin ist der Militärdienst für das »Mann werden« ein besonders anschauliches Beispiel: eine Prüfung, die nur bestanden ist, wenn der Mann »gebrochen« wurde. Denn, so beschreibt es einer der Interviewten: »Man muss seine Persönlichkeit wie eine Jacke an der Tür abgeben, bevor man zur Armee geht.«

Hierarchien und Gewalt

Isoliert von ihrem sozialen Umfeld verbringen die Männer zwei Jahre in einer reinen Männergesellschaft, eine Erfahrung, die laut Selek, »ihre Geschlechtsidentität entscheidend formt«. Trotzdem halten die Männer den Militärdienst für eine wichtige Erfahrung. »Bei uns waren eben alle der Meinung, dass jemand, der seinen Wehrdienst nicht geleistet hat, nicht ernst zu nehmen ist. Also bin ich zur Armee gegangen und als brauchbarer Mensch zurückgekommen«, sagt ein anderer Interviewpartner.

Selek lässt die Männer ihre Erfahrungen beschreiben, wendet sich aber auch den Ursachen der Gewalt zu: »Die Untersuchung hat gezeigt, dass eben diese Gewalt aus einer Kraft kommt, die mit Angst verbunden ist«, sagt sie im Interview mit dem Deutschlandradio. Nachdem sie zunächst der Gewalt hilflos gegenüberstanden, beschreiben viele Männer, wie sie selbst Gewalt anwenden, sobald sie in der hierarchischen Position dazu sind. Der Autorin geht es dabei nicht allein um die Gesellschaft in der Türkei, denn »das bei der Armee betriebene Spiel des Helden ohne Macht, unterdrückter Zorn, der nicht überwunden werden kann und Ängste, die nicht zugegeben werden können – all dies trifft auf sehr viele Männer in der Welt zu«.

Politische Unterdrückung

Pinar Selek publiziert seit Jahren zu feministischen und antimilitaristischen Themen, zu Geschlechterverhältnissen, Transsexualität und Minderheiten. Mit ihrem neuen Buch hat sie eine wichtige Grundlage eingebracht für die Diskussion, wie die sexistisch-patriarchalische Kultur die Menschen – auch die Männer – unterdrückt. In der Türkei habe das Buch eine rege Diskussion ausgelöst, beschreibt sie. Allein, das Militär war nicht begeistert.

Schon einmal war die 39-Jährige mit einem Buch ins Blickfeld der staatlichen Repression geraten. Ende der 1990er Jahre forschte sie für eine Arbeit über die Situation der KurdInnen und erregte damit die Aufmerksamkeit der Polizei. Sie wurde verhaftet und gestand unter Folter die Beteiligung an einem Bombenanschlag, der – das wurde rasch klar – keiner war und mit dem sie nichts zu tun hatte. Bis heute droht Selek in der Türkei lebenslange Haft, momentan lebt sie im Berliner Exil.

Pinar Selek: Zum Mann gehätschelt. Zum Mann gedrillt. Männliche Identitäten. Orlanda Buchverlag, 240 S., 18 €.

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