Polanski am Rande

Emmanuelle Seigner

  • Christoph Nitz, Paris
  • Lesedauer: 2 Min.

Der »Palace« öffnete seine Pforten, und das Montmartre-Theater füllte sich mit einem Publikum, das den Besuchern eines Abi-balls ähnelte: Jüngere kamen in Erwartung eines Rockkonzerts, während viele Ältere sich für den Besuch eines gesellschaftlichen Events ausgestattet hatten. Das passte zur Hauptdarstellerin des Abends: Emmanuelle Seigner ist die Frau des Regisseurs Roman Polanski, der in der Schweiz im Hausarrest sitzt. Durch diese Ehe ist sie Teil des französischen Kultur-Establishments, während ihre musikalischen Vorlieben und Wurzeln in der Garage liegen. Ihre Karriere begann als Model, mit dem in Paris spielenden Thriller »Frantic« machte sie sich als Schauspielerin einem breiten Publikum bekannt. Seit 2005 verfolgt sie musikalische Ambitionen – unter anderem mit dem Projekt Ultra Orange.

Das Warten wurde von einem Trio verkürzt; das leicht konsumierbare Lagerfeuerlieder mit mächtig viel Hall für den Sänger aufgeschönt hatte und kaum Eindruck hinterließ. In Karohemd zu schlichter schwarzer Hose und mit Hut gewappnet, startete Emmanuelle Seigner schließlich die Exploration ihres aus rund drei Alben bestehenden Werks. Viel ist in ihren Liedern die Rede von Liebe, häufig wird auch über die Einsamkeit einer Frau im weltweiten Schauspielerzirkus reflektiert. Burschikos und auf charmante Art zurückhaltend spielte Seigner ihr höchstes Gut präzise aus: Mit Charme und einem von Teenagerlächeln begleiteten »Merci« macht sie ihren eingeschränkten Stimmumfang ebenso vergessen wie manchen geschrammten Ton. Sie singt sich durch eine Mixtur aus Englisch und ihrer Muttersprache, wobei ersteres so klingt, als habe sie sich darin von ihrem Mann unterweisen lassen. Auf den wies sie mit ironischen Ansagen eher beiläufig hin sowie mit einem Song, basierend auf dem musikalischen Leitmotiv des größten Polanski-Erfolgs »Rosemary's Baby«.

Insgesamt kann Emmanuelle Seigner – druckvoll unterstützt von einem klassischen Rocktrio – mit ihrem Sound aus der Garage das Publikum begeistern. Auch für Rockkonzerte obligatorische Momente wie den Publikumsgesang bietet sie – kommentiert mit ironischen Grimassen. Nur beim Akustik-Set mit Gitarre bricht der Spannungsbogen, auch mangels stimmlicher Gestaltungsvarianten.

Das Finale mit dem Titelsong der aktuellen Produktion »Dingue« riss das Publikum aus den weichen Theatersesseln. Viele waren nur wegen des Airplays dieses raffiniert arrangierten Gassenhauers zum Konzert gekommen. Mit »femme fatale« musste Seigner dann auf eine bereits gespielte Nummer zurückgreifen – weitere Zugaben hatte sie nicht im Gepäck. Schade, die Party hatte gerade erst begonnen, ausgelassen zu werden.

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