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Seltsame wörtliche Windungen: »verstrickt«, »verwickelt«

In Berlin wurde die Auftragsstudie zur Geschichte des Auswärtigen Amtes im Nazireich vorgestellt

Dass Nachrichten aus den Gefilden der Wissenschaft die erste Seite von Tageszeitungen erobern und es in manchen gar in deren Aufmachung schaffen, geschieht selten. Machten sie einen sensationellen Fortschritt in der Bekämpfung von Krebserkrankungen bekannt, würde das niemanden wundern. Hingegen eine Meldung über eine Studie »Das Auswärtige Amt und die Vergangenheit«?
Das Buch: »Das Amt und die Vergangenheit – Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik«. Herausgegeben von Eckart Conze. Norbert Frei, Peter Hayes und Mosje Zimmermann«. Karl Blessing Verlag München. 880 S., geb., 34,95 Euro. Auf Seite W9 der heutigen Ausgabe: »Kein Ende, ein Anfang« von Jürgen Amendt

Zeichnung: Harald Kretzschmar
Das Buch: »Das Amt und die Vergangenheit – Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik«. Herausgegeben von Eckart Conze. Norbert Frei, Peter Hayes und Mosje Zimmermann«. Karl Blessing Verlag München. 880 S., geb., 34,95 Euro. Auf Seite W9 der heutigen Ausgabe: »Kein Ende, ein Anfang« von Jürgen Amendt Zeichnung: Harald Kretzschmar

Ihre Geschichte beginnt 2005 mit einem Auftrag, erteilt von Außenminister Joseph Fischer. Fünf Historiker, drei Deutsche, ein US-Amerikaner und einer aus Israel, begaben sich mit Mitarbeitern auf die Dokumentenspur, die dieses einst in der Berliner Wilhelmstraße etablierte Amt hinterlassen hatte und verfolgten sie in etwa 30 Archiven, deutschen und solchen im Ausland.

Hervorgegangen ist aus einer Kärrnerarbeit, an der ein Stab von Mitarbeitern beteiligt werden musste, ein Bericht, der mehr als 800 Druckseiten umfasst und in Buchform vorliegt.

Wer nur wollte, war gut informiert

Neuland war auf diesen Wegen nicht zu betreten. Das Auswärtige Amt war schon im Kriegsverlauf als eine an Naziverbrechen beteiligte Einrichtung ausgemacht. So auch gelangte sein Chef Joachim von Ribbentrop auf die Liste jener Personen, die nach dem Sieg von den Alliierten zur Verantwortung gezogen werden sollten. Dann kam die Rolle dieses Machtzentrums im Nürnberger Gerichtssaal von 1945/1946 zur Sprache und Ribbentrop an den Galgen.

In einem Nachfolge-Prozess wurde Ernst von Weizsäcker, von 1938 bis 1943 (erster) Staatssekretär des Amtes, angeklagt und zu fünf Jahren Haft verurteilt, insbesondere wegen seiner Schreibtischtäterschaft im Zusammenhang mit Deportationen französischer Juden zu den Mördern. Im gleichen Prozess erhielt Weizsäckers Nachfolger Gustav Adolf Steengracht von Moyland sieben Jahren Haft zugesprochen. Schon die Tatsachen, die bei diesen Verfahren zu Tage kamen, ließen an der Rolle des Amtes keine Zweifel.

Dann nahmen sich Historiker des Gegenstandes an. Aus der Vielzahl von Publikationen ragt die Untersuchung Christopher R. Brownings »The final solution and the German Foreign Office. A study of referat D III of Abteilung Deutschland 1940-43« heraus, veröffentlicht 1978 in New York und London. Auch in den Jahren, in denen die Kommission arbeitete, erschienen Bücher zum Thema. Jürgen Döscher, der im Jahre 1987 seine Untersuchung »Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der Endlösung« vorgelegt hatte, publizierte 2005 »Seilschaften – die verdrängte Vergangenheit des Auswärtigen Amtes«.

Also: Wer wollte, war informiert. Wer in der DDR lebte, zumal. 1965 war da das »Braunbuch« erschienen, in dem, gestützt auf Dokumentenfunde und sie zitierend, auch Beamte im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik benannt wurden, die sich Kriegs- und Menschheitsverbrechen schuldig gemacht hatten.

Vorm Hintergrund des seit langem verfügbaren Wissens lesen sich Beteuerungen der Außenminister a. D. Fischer und Steinmeier, wie »überrascht«, »erschüttert«, »entsetzt«, »erschreckt«, »schockiert« und wie »deprimiert« sie nun seien, befremdend. Steinmeier fand es »unglaublich«, dass es bis zu diesem Bericht 60 und mehr Jahre brauchte. Drei davon gehen auf Rechnung des Außenministers Willy Brandt und sieben auf die des jetzt als Aufklärer gefeierten Fischer.

So lange war der schon Amtschef, bis er, ausgelöst durch eine Kette von Zufällen, die Historikerkommission am 25. Juli 2005 berief. Ursprünglich bestand sie aus fünf Mitgliedern, von denen eines aus unerklärten Gründen ausschied. So stellten Eckart Conze (Marburg), Norbert Frei (Jena), Peter Hayes (Chicago) und Moshe Zimmermann (Jerusalem) am Donnerstag im Berliner Haus der Kulturen der Welt ihr Arbeitsergebnis diskutierend vor, ohne den Anspruch zu erheben, ein Geschichtsbild revolutioniert zu haben oder sich modisch als Tabubrecher zu präsentieren.

Was ist an Weiterführendem gewonnen? Zweierlei. Zum einen sind in einer »Gesamtschau« die Kenntnisse über das Auswärtige Amtes als hochaktiven Teil eines verbrecherischen Staates vermehrt, und die Vorstellung von der Tätigkeit seines Personals gewann an Detailreichtum und Tiefenschärfe. Zum anderen wurden die Anstrengungen samt der an ihnen Beteiligten kompakt dargestellt, die nach 1945 der Verfälschung der Geschichte, insbesondere der eigenen Rollen in ihr galten.

Im Verlauf der Arbeit ist eine Kosten nicht scheuende Durchmusterung der Quellen in einem Umfang erfolgt, die vordem unmöglich war. Ihre Bekanntmachung oder die Verweise auf sie werden weitere Forschungen anregen.

Ein nicht gering zu schätzendes Verdienst der Autorengruppe rührt aus den Umständen her, auf die diese Veröffentlichung trifft. Während die grellen Scheinwerfer von Historikern und Museologen auf Hitler und die Deutschen gerichtet sind, worunter die kleinbürgerlichen und proletarischen Massen verstanden werden, stellt dieses Unternehmen eine spezielle Gruppe aus der weit gefächerten Elite des Nazireiches vor. Es könnte beitragen, das gleichmacherische Bild von Anteilen und Ausmaßen an Verantwortung und juristischer und historischer Schuld zu entkräften.

Von nun an dürfte es schwer sein, den Mythos von dem widerständigen Auswärtigen Amt, in dem sich einige Nazis gleichsam verloren, unter die Leute zu bringen. Vor dem Glauben jedoch, dass Weißwäscher nun ihre Bemühungen einstellen würden, hat Joseph Fischer an diesem Abend in einem einleitenden Vortrag gewarnt. Getan bis zu einem Schlussstein ist die Arbeit ohnehin auch deshalb nicht, weil ein Aspekt der Tätigkeit des Amtes von der Kommission offenbar beiseite gelassen wurde. Es hat von 1933 an nach Kräften an der Vorbereitung des Krieges teilgehabt, jenes Verbrechens, ohne das die Bedingungen dafür nicht entstehen konnten, unter denen sich die judenmörderische Zusammenarbeit des Amtes mit dem Reichssicherheitshauptamt in Gang setzen ließ.

Die Vorliebe, etwas zu bagatellisieren

Wie weit der Weg noch ist, bis Klartext über das »Dritte Reich und seine Eliten« gesprochen und geschrieben werden wird, lässt sich dieser Tage vielen Berichten und Kommentaren entnehmen, die dem Buch gelten. Es sei, heißt es da mit Vorliebe, das Amt in das Regime »verstrickt« (oder »verwickelt«) gewesen. Gleiches lässt sich übrigens in der Ausstellung »Hitler und die Deutschen« über die führenden Militärs der Wehrmacht lesen. Der modische Begriff schillert. Haben sie sich verstrickt oder wurden sie verstrickt? Hat letzteres Hitler besorgt, der als Schüler zu Braunau durch irgendeinen Handarbeitsunterricht ein besonderes Geschick erwarb, das er als Führer betätigte?

Zwei Kommissionsmitglieder legten sich, in Interviews befragt, angemessen fest und nannten das Auswärtige Amt eine »verbrecherische Organisation«. Am Werderschen Markt muss entschieden werden, ob es im eigenen Internetauftritt bei dem nichtssagenden Satz bleiben soll: »Während der nationalsozialistischen Diktatur war auch das Auswärtige Amt Teil des Unrechtsregimes.«

Der Historiker Kurt Pätzold gehört zu den bedeutenden deutschen Faschismus-Forschern. Eins seiner jüngsten Bücher: die Erinnerungen »Die Geschichte kennt kein Pardon«.

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