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Tod der Wahrheit

Im Kino: »Fair Game«

  • Von Angelika Kettelhack
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein klassisches Hollywood-Stück, aber ein sehr böses: Jahre nach dem wirklichen Ereignis liefert es ein Paket hässlichster amerikanischer Wirklichkeit. Auch wenn Doug Limans Film »Fair Game« heißt, so zeigt er doch genau das Gegenteil: das Geschehen um die »Plame-Affaire«, wie sie verharmlosend in die US-Geschichte einging, kurz vor dem zweiten Irak-Krieg. Verzweifelt sucht die Bush-Administration nach vorzeigbaren Gründen für den Überfall auf das Land. Ein Gerücht soll verifiziert werden: Angeblich wolle Irak in Niger Uran kaufen, um Massenvernichtungswaffen zu produzieren. Um aus dem Gerücht eine verwertbare Information zu melken, soll der Ex-Diplomat Joe Wilson (Sean Penn) in den afrikanischen Staat geschickt werden.

Vor Wilsons Reise gönnt uns der Film einen freundlich-ironischen Blick in die heile Welt der oberen amerikanischen Mittelklasse: schicke Wohnungen, teure Autos, entzückende Kinder und ein Strauß gutangezogener Freunde. Ein wenig ungewöhnlich erscheint Wilsons Frau Valerie Plame, gespielt von Naomi Watts, die ihr verblüffend ähnlich sieht und die ihre Rolle zunehmend überzeugend verkörpert. Immer ist sie als angebliche Finanzinvestorin auf Reisen, nimmt sich wenig Zeit für die Kinder, aber da ihr Mann zu Hause arbeitet, hat das Paar den familiären Laden gut im Griff. Was niemand von den Freunden weiß, offenbart der Film dem Zuschauer relativ früh: Valerie Plame-Wilson ist eine gestandene CIA-Agentin. Und sie arbeitet in jenem Geheimdienst-Bereich, der Informationen zur Vorbereitung des Irak-Kriegs sammeln soll. So werden Plame und Wilson auch ein Spionage-Paar. Allerdings eines, das seine Arbeit in der Beschaffung echter Informationen ernst nimmt. Doch das hatte die Bush-Administration weder erwartet noch gewünscht.

Man glaubt die Atmosphäre von Opportunismus, Karrieregeilheit und zu viel schwarzem Kaffe in den Büros der Dienste und der politischen Einpeitscher geradezu zu riechen, so nahe bewegen sich Kamera und Regie in den Gebäuden der Macht. Um jeden Preis wollen der US-Vizepräsident »Dick« Cheney und sein Berater Lewis Libby Beweise für die Atomwaffen-Produktion finden. Der Preis, das ist lange bekannt, waren der Tod der Wahrheit und damit das Sterben unzähliger Menschen. Doch obwohl der Zuschauer das ja weiß, folgt er gebannt dem Weg der Manipulation, der sich Plame und Wilson nicht unterwerfen wollen. Sie sehen sich als Professionelle, als Diener ihres Landes, die glauben, dass die Lüge dem Land und auch ihrem Prestige schaden könnte. Bald wird das Paar erfahren, dass es im Wege steht: Valerie Plame wird von der eigenen Regierung als Agentin denunziert, was ihren Informanten in Irak das Leben kostet und sie die gesellschaftliche Reputation.

Doug Liman schafft mit »Fair Game« einen subjektiven Zugang zum großen Polit-Verbrechen der Ära des George W. Bush. Mit dem genialischen Sean Penn und der anfänglich spröde, später leidenschaftlich agierenden Naomi Watts vermittelt er ein privates Drama, das genau der Spiegel der großen, gesellschaftlichen Dämmerung der USA ist. Doch anders als die Ehe der Wilson-Plame, die an der Verfolgung durch die Apparate der Bush-Regierung zu zerbrechen droht und doch nicht bricht, haben sich die USA vom Irak-Krieg bis heute nicht erholt. Auch deshalb ist der spannende Film ein Nachruf auf die Supermacht USA: Die guten Amerikaner, erzählt er, das sind die, die sich den imperialen Lügen widersetzen.

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