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Angst im Hörsaal?

Erfolgreiches Studieren scheitert oft an schlechten Bedingungen

  • Lesedauer: 3 Min.
Das Forschungsprojekt »Untersuchung zu Studienverläufen und Studiener-folg« (USuS) ist seit 2008 dabei, Faktoren für erfolgreiches Studium aus studentischer Sicht zu ermitteln. Ziel es ist, mittels besserer empirischer Datenlage die Studienqualität in Deutschland zu erhöhen. Für ND sprach Jens Wernicke mit der Projektleiterin Margret Bülow-Schramm.
Angst im Hörsaal?

ND: Können Sie nach rund zwei Jahren intensiven Forschens die Frage beantworten: Was ist in gutes Studium?
Bülow-Schramm: Ja, zumindest im Umkehrschluss. Aus unseren Interviews können wir nämlich herauslesen, was das Studium und den Studienbeginn schwierig macht. Es scheint, als sei das zuweilen die Quelle des Missvergnügens, dass die Hoffnungen und Mühen nicht belohnt werden, sondern organisatorische – und damit vermeidbare – Mängel den Studierenden das Studieren vergällen. Umstellungsschwierigkeiten, hervorgerufen durch die neue Studienstruktur mit Bachelor- und Masterstudiengängen, werden der Hochschule vereinzelt zugebilligt, hellen aber die getrübte Stimmung nicht wirklich auf.

Was verleidet den Studienanfängern schon den erfolgreichen Einstieg ins Studium?
Es sind in der Regel schlicht Fehlplanungen – ein Nebenfach kann aus Überschneidungsgründen nicht gewählt werden, eine Bescheinung wird plötzlich und unangekündigt bei der Anmeldung verlangt, die Benachrichtigung über den Erhalt des Studienplatzes kam zu spät –, die die notwendige Identifikation der Studierenden mit dem Studium erschweren. Sorgen bereiten aber auch die inhaltlichen, fachlichen Studienanforderungen, die oft schwer bewältigbar erscheinen, und der vorweggenommene Prüfungsdruck, der vereinzelt durch die Lehrenden geschürt wird. Fast wortgleich werden denn auch von verschiedenen Studierenden die hohen Durchfallquoten als Stressfaktor angeführt, die gleich in den ersten Veranstaltungen so präsentiert werden: »Die Menschen rechts und links von Ihnen, die sehen Sie zum Examen nicht wieder«.

Welche psychischen Auswirkungen hat das auf die jungen Menschen?
Es gibt nüchterne und klagende Berichte über den Studieneinstieg, der einen so hohen Einsatz erfordert, dass private Interessen hintangestellt oder sehr gut organisiert werden müssen, um Berücksichtigung zu finden neben Lernen und Lehrveranstaltungsbesuch und Verwaltungsaufwand. Das steigert sich vereinzelt bis zu Angst und Lernschwierigkeiten, gerade weil klar scheint, dass ohne regelmäßiges Nach- bzw. Vorarbeiten die Prüfungen, die am Ende des Semesters drohen, nicht geschafft werden können.

Gibt es herkunftsspezifische Unterschiede bei diesen Ängsten?
Durchaus. Der heimliche Lehrplan wird angesprochen, die unbekannten Beurteilungskriterien, denen man sich ausgesetzt sieht und auf die man sich wegen ihrer Unbekanntheit nicht vorbereiten kann. Wo das Regelsystem Hochschule nicht durchschaut wird – und dies passiert den Akademikerkindern unter unseren Interviewten seltener – werden Befürchtungen geäußert, dass das Studium nicht zu schaffen ist, man womöglich den Studiengang wechseln müsse etc.

Sind es also vor allem pädagogische und organisatorische Probleme, die das Studium erschweren?
Nein, selbstverständlich nicht. Nicht minder wichtig sind die Rahmenbedingungen, unter denen die Studierenden arbeiten und lernen. Dazu gehören unter anderem das Klima an der Hochschule, eine gesicherte Studienfinanzierung ohne Verschuldung und Zukunftsangst, die Transparenz der hochschulischen Organisation selbst usw. usf.

Was müsste sich an den Hochschulen ändern, um ein qualitativ besseres Studieren zu ermöglichen?
Es müsste viel mehr Wert auf die Hochschuldidaktik und die Kommunikation unter den Lehrenden gelegt werden. Sicher müssen auch die Betreuungsrelationen auf die Beratungsbedürfnisse der Studierenden abgestellt werden. Das bedeutet: Besser ausgestattete Unis sowie mehr Hochschullehrer und wissenschaftliche Mitarbeiter sind dringend vonnöten.

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