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Kultur der Genügsamkeit

Wissenschaftler setzen auf Erneuerbare und Energieeffizienz

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 2 Min.
Die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) hat neun Szenarien auswerten lassen und kommt zum Schluss: Eine Zukunft mit 100 Prozent erneuerbaren Energien ist möglich und machbar.

Im Herbst vergangenen Jahres legte die Bundesregierung ein in der Öffentlichkeit heftig kritisiertes Energiekonzept vor. Die Ziele, die sich die Regierung darin steckte, waren die »weitreichendsten und ambitioniertesten aller bisherigen Bundesregierungen«, sagte Peter Hennecke, leitender Autor der Untersuchung. Die Auswertung der darin skizzierten neun Szenarien habe gezeigt, dass die Ziele auch umsetzbar seien. »Acht von neuen Szenarien stimmen darin überein, dass eine Reduktion von 80 bis 95 Prozent der deutschen Kohlendioxidemissionen bis 2050 machbar ist.« Sowohl ohne Atomkraft als auch mit einem »Auslaufen von Kohlekraft«. In Deutschland müsse dazu auch nicht auf die umstrittene Technologie zur Abspaltung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) zurückgegriffen werden.

Allerdings fragt sich Hennecke heute, ob das Energiekonzept nur Symbolpolitik war. Die Maßnahmen, die Schwarz-Gelb nun plane, seien vollkommen unbrauchbar, um die im Energiekonzept festgeschriebenen Ziele zu erreichen. Größter Kritikpunkt: Mit Zustimmung des Bundestags verlängerte die Bundesregierung die Laufzeiten der Atomkraftwerke im Schnitt um zwölf Jahre. Nicht nur eine unnötige Maßnahme, kritisiert Hennecke, ehemaliger Präsident des Wuppertal Instituts, sondern auch eine schädliche: Atomkraftwerke seien ungeeignet, um auf die flexible Einspeisung von Sonnen- und Windstrom zu reagieren, weil sie schwer regulierbar sind. Um ständiges Hoch- und Runterfahren zu vermeiden, versuchten die Betreiber, »das Netz so voll wie möglich mit Atomkraft zu machen«, so Hennecke. Die Verlängerung der Atomlaufzeiten schwäche letztlich den Ausbau der Erneuerbaren Energien ab und festige »die ohnehin marktbeherrschende Stellung der großen Strombetreiber«. Wissenschaftlich begründen lasse sich eine Verlängerung der Atomlaufzeiten nicht einmal mittels der Energieszenarien, die Grundlage für das Energiekonzept waren.

Auch die Ziele der Bundesregierung zum Anteil der regenerativen Energien an der Energieversorgung werden von den untersuchten Szenarien abgedeckt oder sogar übertroffen: Fast einstimmig prognostizieren sie, dass bis 2050 eine Energieversorgung mit 80 bis 100 Prozent Erneuerbaren möglich ist. Dabei müsse allerdings auch auf Energieimporte und Großtechnik wie Offshore-Windkraft, das Wüstenstromprojekt Desertec und beispielsweise Windkraft aus Nordafrika gesetzt werden. Als Alternativen nennt die Untersuchung Speichertechnologien, intelligente Netze und eine erhebliche Reduzierung von Kühlenergie.

Die Autoren fordern, mehr auf Energieeffizienz als »Brückentechnologie« zu setzen. Innovationen in der Energieeffizienz würden immer wieder zunichte gemacht, weil es auch immer mehr High-Tech-Luxusgeräte gebe. Als Lösung seien Mengenbegrenzungen für Energie nach Vorbild des Emissionshandels denkbar, eine Energiesteuer oder die sogenannte Toprunner-Strategie, wie sie in Japan üblich sei. Dabei werden beispielsweise die Hersteller von Kühlschränken verpflichtet, innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens alle Geräte auf das Effizienzniveau des aktuell sparsamsten Modells zu bringen. Henneckes Schlussfolgerung: »Wir brauchen eine Kultur der Genügsamkeit.«

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