E10-Ärger in der Raffinerie

PCK Schwedt produzierte als erste den neuen Sprit / Export als Ausweichmöglichkeit

  • Von Haiko Prengel (dpa), Schwedt
  • Lesedauer: 3 Min.
Woher kommt eigentlich das Super-Benzin E10? Aus Raffinerien wie PCK in Schwedt. Dort ist man verärgert, dass der neue Sprit boykottiert wird.
Dampfende Schlote, wohin man blickt. Und ein Labyrinth aus metallenen Rohren. Es ist kein schöner Ort, an dem E10 produziert wird. Und er ist weit abgelegen von den pulsierenden Verkehrsadern, die er versorgt: In Schwedt an der Oder, 100 Kilometer nordöstlich von Berlin, liegt die riesige PCK-Raffinerie. In der Industrieanlage in Brandenburg wird jener neue Bio-Kraftstoff hergestellt, der momentan die Gemüter der Autofahrernation Deutschland erregt.

Irgendwo in den gewaltigen Tanks lagert E10. Daneben aber auch riesige Mengen anderer Heiz- und Kraftstoffe: Insgesamt Zwölf Millionen Tonnen Rohöl verarbeitet PCK jedes Jahr zu Diesel, Benzin, Kerosin und Heizöl. Damit gehört das Unternehmen zu den größten Rohöl-Verarbeitungsstandorten in Deutschland. Im Großraum Berlin würde es ohne PCK schnell Stillstand geben.

Der Herr über die vielfältigen Spritsorten aus der Uckermark heißt Jos van Winsen, er begrüßt freundlich mit niederländischem Akzent. Der PCK-Geschäftsführer, der die Bereiche Produktion und Technik verantwortet, sagt: Das Durcheinander um E10 und den Boykott der Autofahrer sei »ärgerlich« und »schade«. Es habe viel Zeit im Voraus gekostet, die Einführung für den deutschen Markt bestmöglich vorzubereiten. Wegen des Chaos' müssten jetzt alle im Unternehmen mehr arbeiten. Dabei sei doch für jeden im Internet relativ leicht einzusehen, ob das eigene Auto E10 vertrage, so der 51-jährige Manager.

Am 1. Februar wurde bei PCK im Akkord mit der Herstellung des stärker ethanolhaltigen Sprits begonnen. Nach Unternehmensangaben war es die erste deutsche Raffinerie überhaupt, die ihn herstellte. Insgesamt produzierten die Brandenburger im ersten Monat 40 000 Tonnen E10. Mittlerweile wurde die Geschwindigkeit gedrosselt. Denn Millionen deutsche Autofahrer lehnen den Bio-Sprit ab. Zahlen will der PCK-Geschäftsführer nicht nennen, doch er macht deutlich, dass das E10-Chaos seinen Betrieb vor große Probleme stellt: »Man ist nicht unendlich flexibel«, sagt er. Wie es mit E10 weitergeht? Hoffentlich helfe der »Benzingipfel«, sagt van Winsen. »Die Gesamtindustrie braucht Klarheit.« Zu Vorwürfen, die Mineralölwirtschaft sei für die Probleme verantwortlich, sagt man in der Raffinerie: Diese sei ein Beteiligungsunternehmen mehrerer Gesellschafter, darunter Konzerne wie BP, Shell und Total. »Wir liefern, was die Gesellschafter bestellen«, sagt der Geschäftsführer. Privat ist der Manager ohnehin nicht vom E10-Chaos betroffen: »Ich fahre Diesel«, sagt er verschmitzt.


Nordzucker ist sauer

Die Diskussion um den Biosprit E10 sorgt bei Deutschlands zweitgrößtem Zuckerproduzenten Nordzucker für Irritation. »Die Wogen müssen sich glätten, Bio-Kraftstoff ist zur Zeit die einzige Alternative zu Erdöl, das zur Neige geht«, sagte Albrecht Schaper, Geschäftsführer der Konzerntochter Fuel 21. Ihre Bioethanol-Anlage steht in Klein Wanzleben (Sachsen-Anhalt) direkt neben der Zuckerfabrik. Dort wird neben Zucker auch Rübensaft für die Bioethanolanlage hergestellt. »Aus etwa 1,3 Millionen Tonnen Rüben produzieren wir zur Zeit rund 130 Millionen Liter Bioethanol«, sagte Schaper. Zum Vergleich: Aus 7,5 bis 8 Millionen Tonnen fertigt Nordzucker pro Jahr Zucker. Die Bioethanol-Anlage sei noch nicht voll, aber gut ausgelastet, so Schaper. Selbst wenn es in Deutschland zu einem vorübergehenden Stopp kommen sollte, habe er keine Sorge, denn man könne nach Dänemark und in die Niederlande exportieren. Die Kritik, durch den Anbau von Pflanzen für Kraftstoff würden Monokulturen entstehen, gelte nicht für Deutschland: »Rüben werden in Fruchtfolge angebaut, nur alle vier Jahre können sie auf einem Acker stehen.« dpa/ND

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