»oder tau«

Lyrik: Judith Zander

  • Kai Agthe
  • Lesedauer: 2 Min.

Und sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehen wir uns in Bitterfeld. Sankt Nimmerlein könnte ein Gründonnerstag sein. Denn das Gedicht »gründonnerstag«, das am Ende des ersten Lyrikbandes »oder tau« von Judith Zander steht, ist in Bitterfeld verortet. Ihre lyrischen Texte spielen in ihrer vorpommerschen Heimat und Kindheit, im fernen Finnland und auf der relativ nahen Halbinsel Darß. Ihr Wohnort Berlin – »eine Stadt der Kritik, nicht der Poesie«, wie Gisela Kraft sagte –, ist in ihren sprachlich hochverdichteten Versen kaum präsent.

Die 1980 in Anklam geborene Autorin, die in Greifswald und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte, wurde im vergangenen Jahr mit dem Debütroman »Dinge, die wir heute sagten« (der dem Leser eine Vorstellung vermittelt, wie ihr Landsmann Uwe Johnson (1934-1984) heute schreiben würde) bekannt und sogleich für den Deutschen Buchpreis nominiert. Aufgrund der poetischen Nähe zu dem Romancier wurde ihr der Uwe-Johnson-Förderpreis 2011 zuerkannt. Er ist mit 2500 Euro dotiert und wird am Donnerstag während der Uwe-Johnson-Tage in Neubrandenburg verliehen. Zander ist die vierte Preisträgerin.

Der Erfolg ihres opulenten Erzählwerks mag dazu beigetragen haben, dass postwendend ein Band mit Gedichten erschien. Zander favorisiert freirhythmische Verse. Deshalb sollte man nicht Fingerübungen in strengen metrischen Formen übersehen: »westwärts & außer form« etwa ist ein Sonett und »diotima«, in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht von Friedrich Hölderlin, eine Ode. Eines der schönsten Gedichte ist fraglos »dornburger spruchreife«, in dem ein Oktobertag bei den Dornburger Schlössern skizziert wird, das mit den Worten anhebt: »die hängenden gärten wir gingen auf / terrassen in nebulöse ideen / der saale ein alles sahen wir / mit ihrem blick.«

Und das Gedicht »oder tau«, das dem Band den Titel gab, ist ein Morgen- und Aufwachgedicht für zwei Liebende, das sich jedoch Vokabeln aus der Fauna und Flora norddeutscher Küstengewässer bedient, lautet die erste Strophe doch: »meine hand ist ein toter fisch morgens / auf deiner brust treibt er / seitlings die nacht flog / ein fischreiher auf.«

Mit Judith Zander ist eine junge Autorin auf den Plan getreten, die in Prosa wie Lyrik über ein erstaunlich großes Potential verfügt, das sich nach ihrem ersten Roman nun auch in dem Gedichtband »oder tau« überzeugend kundtut.

Judith Zander: oder tau. gedichte. Deutscher Taschenbuch Verlag. 92 S., brosch., 11,90 €.

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