Die Dora Mar der Fabrikhallen

Die Kunststiftung Poll zeigt »Role Models - Die Frau in der DDR in Selbst- und Fremdbildern«

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Frau mit Kopftuch, mit Zigarette, mit Helm, an der Maschine, lernend, ausgezeichnet, angestrengt, in Gemeinschaft und allein - die berufstätige Frau lieferte der Bildenden Kunst ein neues Sujet mit weitreichenden Wurzeln in den frühen Realismus. Aber wie sahen sie denn aus die Frauen der 50er, 60er bis 80er Jahre, die in der DDR per Verfassungsgesetz gleichberechtigt waren? Die Kunststiftung Poll zeigt in den letzten zwanzig Jahren selten oder nie ausgestellte Kunstwerke, die aus öffentlichen Einrichtungen der DDR per Treuhandbeschluss in die Burg Beeskow gelangten.

Die Kunststiftung Poll hat der Burgsammlung ein Berliner Fenster sowie dem aktuellen Diskurs um eine postfeministische Frauenrolle hierzulande (Frauen als Führungskräfte, Herdprämie, Quote, Kita, Schönheitsdiktat usw.) einige nachdenkenswerte visuelle Begegnungen eröffnet. Von der Kopftuchträgerin aus den 50er Jahren, die im neu erworbenen Arbeitsumfeld ihr Haar schützen musste oder das Tuch schlicht als Attribut von (süßer?) Weiblichkeit trägt (»Mädchen mit rotem Kopftuch«, Walter Womacka, 1957) bis zur kahlgeschorenen Punkerin ist ein differenziertes und über die Zeit sich wandelndes Bild der Frau nachskizziert.

Von Lea Grundig und Gerhard Kettner, beide stehen für die Gründergeneration, gibt es je eine Lithographie. Mit wenigen prägnanten Linien erfasst etwa der Grafiker Kettner die Haltung einer lesenden jungen Frau (aus der Hinterlassenschaft der Zentralbibliothek der Gewerkschaften), derweil »Die Baumwollspinnerin« von Grundig in dichteren Schattierungen auf den Stein gezeichnet wurde. Das 1957 entstandene Blatt vermittelt in seinem Hell-Dunkel eine nahezu dramatische Spannung - eher eine emotionale Zerreißprobe, denn heroisierendes Abbild glückhafter Arbeit im Gegensatz zu den Idealbildnissen (schöner, junger, verantwortungsbewusster oder technikvertrauter) tätiger Frauen, wie sie 1960 Karl Heinz Kummers mit seiner »Bandwärterin vom RS 1000« samt ihrer lässigen Pose oder Ernst Bahr mit der 1963 gemalten »Kraftwerkerin« (vollmündig und großäugig wie Angelina Jolie) vermitteln wollten.

Und war es nicht das Sexsymbol des Ostens schlechthin, intelligent, zart und zupackend auf einer Großbaustelle Neuerungen einzuführen? Die gesetzlich gewährte Gleichberechtigung sowie gesellschaftliche Maßnahmen von Kindergartenplatz bis Haushaltstag und Weiterbildungsprogrammen halfen dem Ideal in die Realität und modellierten ein resolutes, engagiertes aber auch industrieromantisches Fremd- und Selbstbild als Pendant zum westlichen Feminismus. Bis etwa Maxi Wander in »Guten Morgen, Du Schöne« offenbarte, dass das neue Rollenverständnis zwar bejaht wurde, die Teilnahme an der Arbeit aber nicht alle Geschlechterfragen lösen konnte und obendrein ausreichend neue Probleme mit sich brachte. Die Antwortsuche nach dem geeigneten (Belastungs-)Maß und den notwendigen gesellschaftlichen Voraussetzungen hält bis heute an und wechselt gelegentlich in extreme Polaritäten.

Rote Kittelschürze, die Hände mit ausgestreckten Fingern im Schoß, ein ovales Gesicht und ein sanftes distanziertes Lächeln - das ist Jutta Birkholz. Ihr Name ist sicherheitshalber gleich auf die Leinwand gepinselt. Claudia Borchers malt 1983 ein Arbeiterinnenporträt ohne große Geste. Die Abgebildete zeigt sich sinnlich, dabei freilich nicht halb so kokett wie Dora Mar - das schöne melancholische Model Picassos. Wenngleich ein Unterton im Borchers-Bildnis mitschwingt, das an die Porträts des spanischen Meisters erinnert. In eher veristischer Tradition, dabei ungemein gegenwärtig, blickt Jost Alexander Brauns »Ramona Gailus« über ihren Küchentisch - ins Leere. Die Gelbtöne des angedeuteten Interieurs, die groß gepunkteten Tassen, die so punktgenau eingefangene Stimmung fasziniert an dem Gemälde (einst im FDJ- Zentralrat aufgehängt) aus den Mittachtzigern noch heute. Die »neue Eva« der 80er Jahre ist also deutlich introvertierter und zeigt sich auch in Christine Brauns »Junger Frau« (1986). Es ist ein andeutungsvolles, still-elegantes Selbstporträt.

Die neuen Frauen wirken ebenso präsent wie fragil. Selbstbesinnung wird zum Bildthema. So auch beim »Mädchen mit der Milchtüte« (der Originaltitel lautet »Arbeitspause«, 1974) von Barbara Müller. Für weitere Frauenrollenbildern boten die mythologischen Urahninnen - Kassandra (Lithos von Rolf Kuhrt, Elke Riemer) seit Christa Wolfs gleichnamiger Erzählung allen voran oder Penthesilea (A. Hampel), die Kleist für das ausgehende 19. Jahrhundert neu erfunden hatte - geeigneten Interpretationsspielraum. Die Gefahr des Scheiterns infolge unvereinbarer Widersprüche zwischen Konvention und Leidenschaft, Einsicht, Gesellschaft und Individuum konnten so thematisiert werden. Im Gegensatz dazu Retro pur: Wölkchenzart stolzieren in Petticoatkleidern zwei Freundinnen. Schlacksbeinige »Halbstarke« (1959) folgen in respektablen Abstand. Typisch Arno Mohr! Der Berliner Maler und Grafiker generiert Leichtigkeit mit wenigen Strichen - und unverstelltem Männerblick.

Galerie Kunststiftung Poll, bis 31. Juli, Tel.: (030) 28 49 62 50

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