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Manipulation oder nicht?

Der Mediziner Peter Sawicki fordert schnelle Untersuchungen im Organspendeskandal

Als die Sozialdemokraten aus der Bundesregierung flogen, wurde der Arbeitsvertrag des pharmakritischen Stoffwechselspezialisten und Trägers zahlreicher Medizinpreise nicht mehr verlängert. Viele Beobachter sprachen damals von einer politischen Intrige, der er zum Opfer gefallen war. Heute praktiziert Sawicki als niedergelassener Internist und Diabetologe in Duisburg. Mit ihm sprach Silvia Ottow. Foto: dpa/Horst Galuschka
Dr. Peter Sawicki
Dr. Peter Sawicki

nd: In Transplantationszentren in Regensburg und Göttingen sollen Laborwerte von Patienten gefälscht worden sein, um ihnen auf schnellstem Weg ein Organ zu beschaffen. Sind das Einzelfälle?
Sawicki: Ich weiß nicht, inwiefern das jetzt tatsächlich ein Einzelfall ist oder inwiefern es System hat. Was mich überrascht, ist z. B. die Reaktion des Patientenbeauftragten Wolfgang Zöller. Ich habe in einem Artikel gelesen, dass er davon ausgeht, dass aufgrund der Vorkommnisse die Spendebereitschaft zurückgehen wird und das in Zukunft Menschenleben kosten wird. Ich halte es für unverantwortlich, das so zu sagen, und so zu tun, als ob es nun einen wirklichen Grund gegen die Organspende gäbe.

Was sollte er tun?
Die Politik müsste sofort überprüfen, ob es ein Einzelfall ist oder ob es System hat. Das wäre innerhalb von kürzester Zeit möglich gewesen, ist es immer noch. Es fährt eine Kommission zu allen Transplantationszentren, um dort eine Stichprobe zu erheben und nachzuschauen, ob Manipulationen stattfanden. Man muss sich nur einmal vorstellen, was diese Ungewissheit bei den Menschen auf der Straße bewirkt. Zu mir kamen heute auch Patienten, die fragten, ob sie jetzt ihren Spenderausweis abgeben oder behalten sollen, es sei doch alles ein Schmu. Bei der Bevölkerung kommt jetzt an, dass es bei der Organspende irgendwie nicht mit rechten Dingen zugeht.

Das würden Sie so nicht sagen?
Ich würde es erst einmal untersuchen. Wenn dieser Kollege manipuliert hat, um Geld zu verdienen, dann ist das ganz schlimm. Die zweite Version wäre, dass er dem ökonomischen Druck der Politik auf die Krankenhäuser nachgegeben hat. Dieser ökonomischer Druck ist groß und bewirkt eine schädliche Überversorgung. Er betrifft nicht nur die Transplantationen, sondern alle Eingriffe. Es werden zu viele Herzkatheter durchgeführt, es wird zu viel geröntgt, es werden zu viele Knie- und Hüftgelenkimplantate implantiert, weil Krankenhäuser Geld dafür kriegen, mehr zu machen als sie machen sollten. Das ist schlecht für die Patienten. Ich gehe allerdings davon aus, dass keine Patienten transplantiert werden, bei denen es nicht nötig ist. Vielleicht sollten die Patienten in Regensburg nur ein bisschen kränker sein, um früher Organe zu bekommen. Auch so kann man mehr transplantieren. Oder der Arzt hat aus Mitleid die Krankenakten gefälscht, weil ein Patient es psychisch nicht mehr aushielt. Aber noch mal: In Regensburg ist niemand transplantiert worden, der eine solche Transplantation nicht brauchte.

Hans Lilie von der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer soll nach Zeitungsinformationen bereits vor Jahren gefordert haben, die Abläufe bei Organtransplantationen transparenter zu machen und zu überprüfen.
Ich kann nicht beurteilen, warum er das sagte. Natürlich kann man nicht im Internet alle Patientennamen publizieren, die auf der Liste stehen, aber die Patienten wollen wissen, an welcher Stelle sie stehen. Das sagt man ihnen auch so weit möglich. Selbstverständlich müssen die Kliniken einer Überprüfung standhalten, sie können da nicht Patienten geheim transplantieren. Ich gehe erst einmal davon aus, dass das auch nicht geschieht.

Wie verhält es sich mit diesem Schnellverfahren?
Auch diese Organe müssen gemeldet werden. Es kann sein, dass eines von einem älteren Menschen kommt oder dass dieser Mensch irgendeine Infektion hatte oder nach einem Herzinfarkt reanimiert werden musste. Diesen Spender will unter Umständen eine andere Klinik gar nicht haben. Das muss man halt mit dem Empfänger besprechen. Vielleicht nimmt er in seiner Not auch ein solches Organ. Den Anstieg der auf diese Weise vergebenen Organe würde ich erst einmal darauf zurückzuführen, dass die Transplantationsmedizin Fortschritte machte und man jetzt auch solche Organe häufiger transplantiert, weil man eben zu wenig Organe hat. Deswegen wollen wir ja, dass sich möglichst viele Menschen entschließen, nach ihrem Tod ihre Organe zur Verfügung zu stellen, damit man nicht auf kranke Menschen zurückgreifen muss, deren Organe natürlich nicht so lange gut funktionieren. Ich halte es für kontraproduktiv, wie mit dem Problem umgegangen wird. Das wird die Menschen abschrecken. Sollte sich herausstellen, dass in einer wesentlichen Anzahl von Transplantationskliniken Missbrauch betrieben wird, läuft grundsätzlich etwas schief und wir brauchen neue Gesetze und Strukturen. Sollte das nicht so sein, ist das Krisenmanagement verantwortlicher Politiker die absolute Katastrophe.

Es ist in diesem Gesundheitssystem nicht einfach, Transparenz zu erzielen?
Richtig, aber für das Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende ist Transparenz erforderlich. Es ist auch jetzt noch nicht zu spät, sich darum zu kümmern.

Sind Sie selbst potenzieller Spender?
Natürlich.

Der 55-jährige Arzt und Medizinwissenschaftler Dr. Peter Sawicki war von 2004 bis 2010 Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das die rot-grüne Bundesregierung eingerichtet hatte. Das hatte und hat die Aufgabe, eine unabhängige Prüfung von Arzneien und medizinischen Verfahren vorzunehmen, die es bisher so nicht gegeben hatte.

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