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Naturforschung in der Geisterwelt

Freiburger Physiker behauptet: Spukphänomene sind real und wissenschaftlich erklärbar

  • Martin Koch
  • Lesedauer: 5 Min.
Manchmal ertönen nur seltsame Klopfgeräusche oder Stimmen im Haus. Dann wieder fliegen Gegenstände durch die Luft, Schränke und Fenster öffnen sich von selbst und Bilder fallen von der Wand. Wenn so etwas geschieht, sagt der Volksmund: Hier spukt es. Und nicht wenige Menschen glauben, dass dabei Geister am Werke sind, vielleicht sogar die Geister von Verstorbenen. Wie man sich leicht vorstellen kann, haben Wissenschaftler für diese Art von Aberglauben in der Regel wenig Verständnis. Zumal die meisten Spukphänomene sich im Nachhinein als Sinnestäuschungen oder Betrug herausstellen, inszeniert zumeist von jugendlichen Personen, die auf sich aufmerksam machen oder andere Menschen schockieren wollen. Ist das Phänomen Spuk damit ausreichend erklärt? Keineswegs, meint Walter von Lucadou von der Freiburger Beratungsstelle für Parapsychologie, die als einzige ihrer Art in Europa gilt. Der promovierte Physiker und Psychologe hält Spuk für ein reales Phänomen, das von den meisten seiner Kollegen leider falsch gedeutet werde. »Man muss nicht geheimnisvolle Psi-Kräfte oder Poltergeister bemühen, um Spuk zu erklären. In vielen Fällen genügen dafür die bekannten Naturgesetze«, versicherte er unlängst in einem Vortrag vor der Arbeitsgruppe »Selbstorganisation« der Jungen Akademie in Berlin. Einmal habe ein Mann bei ihm angerufen und behauptet, immer dann leise Stimmen aus einem Teekessel zu hören, wenn er diesen auf die Herdplatte stelle. Nach intensiven Nachforschungen fand Lucadou des Rätsels Lösung: Kessel und Herdplatte bildeten eine Art Mittelwellenempfänger und waren somit in der Lage, die elektromagnetischen Signale eines nahe gelegenen Radiosendemastes zu empfangen. Plausible Erklärungen dieser Art seien leider die Ausnahme, sagt Lucadou. Dennoch müsse man alle Spukphänomene ernst nehmen, da auch viele der betroffenen Menschen dies täten. Wenn etwa ein Mann und eine Frau übereinstimmend berichten, dass ihr schlafender Hund ohne ersichtlichen Grund durch das Wohnzimmer geflogen und gegen die Wand geprallt sei, gebe es keinen Anlass, an dieser Aussage zu zweifeln oder beide gar als geistesgestört abzuqualifizieren. Denn hinter solchen paranormalen Phänomenen verberge sich oftmals eine geheime Botschaft, glaubt Lucadou: »Spuk ist ein in die Umgebung ausgearteter Traum, eine nach außen verlagerte psychosomatische Reaktion.« Veranlasst möglicherweise durch unbewusste Wünsche, verdrängte Schuldgefühle oder eine hochfliegende Fantasie. Einer solchen Erklärung dürften vermutlich auch viele Psychologen zustimmen, sofern man hinzufügt, dass jene unbewussten Projektionen allein in der Psyche der betroffenen Menschen existieren. Doch genau das weist Lucadou entschieden von sich. Für ihn greift der Spuk über die Psyche hinaus, wird gleichsam zur materiellen Erscheinung und hat dennoch die Tendenz, sich der Beobachtung zu entziehen. Das sei an sich nichts Außergewöhnliches, auch in der Quantenmechanik spiele der Beobachter physikalischer Prozesse eine aktive und schöpferische Rolle, erklärte er seinen Zuhörern, die sichtlich beeindruckt waren von der Fülle der physikalischen Theorien, die in knapp zwei Stunden auf sie niederrieselten. Daraus entwickelte Lucadou sein »Modell der pragmatischen Information«, welches er für geeignet hält, Spukphänomene wissenschaftlich zu beschreiben. Dreh- und Angelpunkt dieses Modells sind so genannte nichtlokale Korrelationen, die letztlich aus der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation folgen und der Quantenmechanik, wie Einstein sagte, einen spukhaften Charakter verleihen. Danach bilden zwei gemeinsam erzeugte Photonen, im Fachjargon verschränkte Photonen genannt, für immer eine Einheit, selbst wenn sie Lichtjahre voneinander entfernt sind. Mehr noch: Jede Messung, die an einem Teilchen vorgenommen wird, beeinflusst unmittelbar den Zustand des anderen Teilchens, ohne dass dabei eine physikalische Wechselwirkung stattfindet. 1982 haben französische Physiker dieses Phänomen zum ersten Mal im Experiment bestätigt. Warum, könnte man nun fragen, soll das, was in der Mikrowelt geschieht, unter bestimmten Umständen nicht auch in unserer Alltagswelt möglich sein? Für Lucadou ist eine solche Frage keinesfalls abwegig. Im Gegenteil, der erste Hauptsatz seines Modells lautet: Psi-Phänomene, zu denen auch der Spuk zählt, sind nichtlokale Korrelationen in psycho-physikalischen Systemen, die durch pragmatische Information erzeugt werden. Danach können bei parapsychologischen Effekten lediglich Bedeutungen, aber keine physikalischen Signale ohne Zeitverzögerung übertragen werden, da dies der Relativitätstheorie widerspräche. Oder, wie Lucadou in seinem zweiten Hauptsatz formuliert: Jeder Versuch, nichtlokale Korrelationen zur Signalübertragung zu verwenden, zerstört jene Korrelationen. Demnach verschwindet ein Spuk, sobald man ihn mit Videokamera oder Tonband »festzunageln« versucht, da in solchen Fällen echte Information transferiert wird. Wie der Berliner Physikprofessor Martin Lambeck betont, können die Aussagen der Quantentheorie, anders als Lucadou suggeriert, nicht auf die makroskopische Welt übertragen werden, da in dieser keine Unbestimmtheitsrelation gilt. »Folglich sind das Gehirn eines Menschen und die Gegenstände unserer Alltagswelt miteinander niemals so korreliert wie zwei verschränkte Photonen, so dass eine unmittelbare Wirkung des Geistes auf die Materie ausgeschlossen ist.« Überdies missverstehe Lucadou die Rolle des Beobachters in der Quantenphysik. Denn weder das Bewusstsein noch der menschliche Wille könnten zielgerichtet Einfluss auf mikrophysikalische Prozesse nehmen. Der Mensch könne lediglich registrieren, was in verschiedenen Messapparaturen im Verlauf eines Experiments geschehen sei. Nach seinem Vortrag wurde Lucadou zaghaft mit der Frage konfrontiert: »Wie erklären Sie sich, dass massive Gegenstände beim Spuk plötzlich durch die Luft fliegen?« Seine lapidare Antwort: »Energetisch ist das kein Problem, Energie ist in der Umgebung genug vorhanden.« Zwar sei es - physikalisch gesehen - höchst unwahrscheinlich, dass etwa ein Aschenbecher sich spontan vom Tisch erhebe bzw. levitiere, wie der Parapsychologe sagt. Doch auch höchst unwahrscheinliche Ereignisse, so zeige die nichtlineare Thermodynamik, würden sich unter bestimmten Bedingungen häufiger realisieren. Lambeck bestreitet das: »Erstens kann Energie allein durch Geisteskraft nicht umorganisiert werden. Und zweitens müsste man, sofern Lucadou Recht hätte, geringere Abweichungen vom thermodynamischen Gleichgewicht viel öfter beobachten.« Will sagen: Wenn es möglich ist, dass ein Hund durchs Zimmer fliegt, dann sollten viel kleinere Gegenstände wie etwa Büroklammern alle Nase lang durch die Gegend hüpfen, was augenscheinlich nicht geschieht. Ansonsten wäre die gesamte moderne Physik hinfällig.
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