Ein Strahlen, das staunen macht

Am Sonntag wird die Schauspielerin Gisela Morgen 85

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.
Man ist doch zu gern, was man sein möchte. Also schauen wir hinauf zu den Brettern, die die (andere) Welt bedeuten und beneiden die Schauspieler - und auf dass niemand uns dabei ertappe, wie unsere Gesichter schon beim Zusehen andere werden, tun uns die Theaterleute den Gefallen, das Licht im Saale zu löschen ... Wo Schauspieler echt wie das Leben sein wollen, sind sie am verlogensten; wo jedoch das Spiel mit der eingebildeten Existenz wie eine überraschende Möglichkeit aufscheint, welche zwar vom Leben abgeleitet wird, aber den Raum des Spiels nie verlässt - dort sind Schauspieler wahrhaftig. Ins Spiel zu springen - das ist die Anmaßung des Beginns, die einem als junger Mensch zufallen mag. Aber zu wissen, dass man sich trotz höchster Locken und tiefster Texte immer nur in einem Spiel befindet - das ist die Bescheidenheit, die mit den Jahren erarbeitet werden muss. Die Künstlerin, die am Sonntag 85 Jahre alt wird, hat diese Bescheidenheit - die ja das ganze Gegenteil von Unbemerkbarkeit ist, aber den Beruf vor missionarischer Überschätzung und Belastung schützt - in einem langen Bühnendasein vorgelebt: Gisela Morgen, Berlinerin vom Jahrgang 1918 (wie viele deutsche Daten in einem Leben! 1933, 1939, 1945, 1949, 1989!). Über Reichenberg, Chemnitz kam sie nach Leipzig, spielte die Nora, die Grusche, die Aase, die Heilige Johanna, Shen Te. Ab Mitte der Sechziger dann: 35 Jahre Volksbühne Berlin und also eine Regie-Spannbreite zwischen Benno Besson und Andreas Kriegenburg. Arbeit auch am Deutschen Theater, wo sie bis vor kurzem noch, bis zum Tode Dietrich Körners (der den Professor Serebrjakow spielte), in Thomas Langhoffs »Onkel Wanja« die Hausmagd und Kinderfrau gab. Die Morgen, das ist gesammelte Herzkraft und das Vertrauen darauf, dass die Geheimnisse einer Figur auch ohne grellen Aufputz ihre Kraft entfalten. Sie ist Zupackende und Zurücknehmerin zugleich; sie treibt Dichters Worte nicht, sie folgt ihnen; und wenn man viele Rollen auf einen Nenner (sträflich genug!) zu bringen versuchte, so hieße der vielleicht: Viel Kunstverstand wird gebraucht für einfache, menschliche Auskünfte. Nachdem Gisela Morgen 1964 an die Berliner Volksbühne gegangen war, hat sie erfahren, was es heißt: unterfordert zu sein. Die Morgen antwortete darauf, wie nur ein starker Mensch auf so eine Situation antworten kann: weiter arbeiten, weiter arbeiten, weiter arbeiten. Die ersten Programme entstanden, ein Impuls war damit geboren, und aus dieser Ausdrucksenergie der Schauspielerin wuchs in den neunziger Jahren auch dem »theater im palais« eine berührende darstellerische Kraft zu. Neben der Gestaltung ihrer dortigen Rollen unter künstlerischer Leitung von Barbara Abend - wie der Miss Marple, der Missis Wilberforth (in »Ladykillers«) und der Anna Magdalena Bach - regte die Morgen literarische, musikalische Programme über Rilke, die Kempner und die Goldenen Zwanziger an; in ihrer Interpretation wurden diese Vorhaben zu Erlebnissen warmherziger sprachlicher Einfühlung und zugleich mimischer Ironisierungslust. Nicht selten kommen Besucher ins kleine Haus Unter den Linden, im Kastanienwäldchen hinter der Neuen Wache, die Gisela Morgen noch aus der Leipziger Zeit kennen. Theaterarbeit: so flüchtig, so langlebig doch auch. Schön. Ich sehe diese Schauspielerin - deren Mütterlichkeit von Burschikosität durchwirkt ist, deren Güte gern auch Spottaugen aufsetzt - und bemerke ein Strahlen, das staunen macht: Da hat ein Mensch mit allen Plackereien des Alters zu tun und ist doch nicht erwartungslos geworden. Wie Ausdauer, Wahrnehmungslust und Überstehenskraft sich doch zu einer beglückend bejahenden Lebenshaltung fügen! Kindschaft und heiterster Blumenblick. Sei noch erwähnt: Sie ist regelmäßig im Premieren-Publikum von Castorfs Volksbühne zu sehen. Beim Hausherrn nämlich spielt ihr Mann Joachim Tomaschewsky, dienstältester Schauspieler am Rebellentanker - ein »Castorfianer« mit der souveränen Gelassenheit des Barden, der aus der Altersfreiheit heraus, inmitten Hübchen und Wuttke, Fritsch und Schütz, Rois, Angerer & Co. junge Blitze in die gemächliche Stadttheaterlandschaft wirft. So möge der Glückwunsch für Gisela Morgen auch ebenso herzlicher Verweis sein auf das wohl älteste arbeitsaktive Schauspieler-Ehepaar auf Berlins Bühnen.
Am 8. Februar, 16 Uhr, stellt Gisela Morgen im »theater im palais« ihre Lieblingserzählung vor - »Goethe und Beethoven« von Romain Rolland, Fassung: Birgid Gysi, mit Carl Martin Spengler und Ute Falkenau (am Klavier).

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