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  • Politik
  • Zum 70. Geburtstag des Moskauer Regisseurs Eldar Rjasanow

Die Wahrheit hinter dem Lachen

Wenn er das Geld nur irgendwie beschaffen kann, frönt Eldar Rjasanow auch weiterhin seiner Leidenschaft: Er dreht Komödien und Satiren fürs Kino. Zum Beispiel »Das verhei-ßene Paradies« (1991), einen Versuch, die Perestroika-Zeit auf einen radikalen Nenner zu bringen. Da begegnen sich 40 Leute auf einer Müllkippe nahe Moskau, gescheiterte Existenzen, würde man sagen. Einer von ihnen läßt sich gern als »Präsident« anreden, und tatsächlich beschwört er den Weg in eine bessere Zukunft: Eines Tages, so lautet seine Mär, werden Außerirdische kommen und die Seelen der Armen auf ihren schönen Planeten mitnehmen ...

Rjasanow, der an der Moskauer Filmhochschule WGIK noch bei Sergej Eisen-

stein und Grigori Kosinzew lernte, wird heute 70 Jahre alt. Seine wichtigsten Filme, deren Besucherzahlen in der Sowjetunion immer in die Dutzende Millionen gingen, sind auch in Deutschland gezeigt worden: in der DDR im Kino, im Westen vor allem im ZDF, wo Rjasanow in dem Filmredakteur Jürgen Labenski einen guten Freund und Verbündeten (auch für Co-Produktionen) fand. Ein paar der Arbeiten, die der Regisseur seit 1956 drehte, gelten heute als legendäre Kinoklassiker, darunter schon sein Debüt »Nun schlägt's 13!«, in dem er von ein paar jungen Leuten erzählte, die das Programm für eine Silvesternacht vorbereiten, aber immer wieder von einem dogmatischen Kulturfunktionär behindert werden. Bei der Abnahme dieses Films hatte Rjasanow im Mosfilm-Studio selbst mit einer Armada engstirniger Leiter und Kollegen zu tun, denen die kleinen sati-

rischen Frechheiten viel zu weit gingen; und nur weil Chrustschow eine politische Wende eingeleitet hätte, passierte das flotte Werklein schließlich die Hürden der Zensur

Das satirische Potential, das Rjasanow hier mit der jungen Ljudmila Gurtschenko in der Hauptrolle entfaltete, versandete in späteren Filmen mitunter im Unverbindlichen, im wortwitzigen und situationskomischen, aber letztlich versöhnlichen Angriff auf kleinbürgerliche Zeitgenossen. Dennoch spiegelten viele Stoffe Bitternis und Zorn darüber, daß die Ideale einer »besseren« Gesellschaft in einem Strudel aus Bürokratie, Opportunismus und bodenloser Dummheit unterzugehen drohten. Von »Bitte, das Beschwerdebuch!« (1964) und »Autoaffären« (1966) führte ein gerader Weg zu »Die Garage« (1979) und »Vergessene Melodie für eine Flöte« (1987), jenes bitterböse Porträt eines Funktionärs der »Hauptverwaltung für Freizeit«, der als Zensor auf Zeitgenossen angesetzt wird, die irgendwie von der Linie abweichen. Ein Bild sowjetischer Staatsangestellter- Obwohl der Held die Perestroika in höchsten Tönen preist, hofft er inständig auf eine Rückkehr zur bequem geordneten Lethargie unter Breshnew

Zwei Filme sind in der Erinnerung der Zuschauer vielleicht am tiefsten verankert: »Bahnhof für zwei« (1982) und »Liebe Jelena Sergejewna« (1987). Mit dem

ersten führte Rjasanow an die Tore des Archipels Gulag und brach damit ein strenges Tabu. Die tragikomische Liebesgeschichte zwischen einem Häftling und einer Kellnerin bot ihm Anlaß für einen Blick in ein sibirisches Straflager, dessen Härten und Grausamkeiten freilich von einem märchenhaften Schluß gemildert wurden - anders hätte der Film wohl keine Chancen gehabt, überhaupt produziert zu werden. »Liebe Jelena Sergejewna« zeigt die moralische Verwahrlosung der jungen Generation: Ein paar Abiturienten dringen in die Wohnung einer Lehrerin ein, um sie zu zwingen, Prüfungsergebnisse zu fälschen. Ein Kammerspiel des psychisahen und physischen Terrors - und vieler bisher ungesagter Wahrheiten über das Versagen beider Generationen: der Jungen und der Alten.

Rjasanow arbeitet heute viel fürs Moskauer Fernsehen, ein Teil des Honorars steckt er in Kinoprojekte. Sein bisher letztes heißt »Liebenswerter Tolpatsch« (1996), ein Gegenwartslustspiel über einen ehemaligen Philologen, der jetzt Denkmäler putzt, und eine Bibliothekarin, die Bücher auf der Straße verkauft. Ein Film, der vielleicht ein bißchen sentimental und brav ist, ein Werk aber auch, das seinen Regisseur noch immer als kritischen und zärtlichen Beobachter des russischen Alltags ausweist. Als einen Menschenfreund.

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