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Einmischen,

wo man nicht gerufen wird Zehn Jahre nach dem Herbst 1989 ist die Leipziger Nikolaikirche noch immer Zufluchtsort für Tausende - nur die Gründe haben sich geändert

Leipzigs Nikolaikirche im Herbst 1999:

Pfarrer Christian Führer predigt wieder Hoffnung, Mario Starke findet sie nur im Gebet

ND-Fotos: Burkhard Lange

Vor zehn Jahren war der wuchtige Kirchenbau zwischen Leipzigs Nikolai- und Ritterstraße Brennpunkt des Geschichte. »Am 25.9.89«, berichtete der Abteilungsleiter für Sicherheitsfragen der SED-Bezirksleitung telefonisch dem Zentralkomitee in Berlin, »fand in der Zeit von 17.00 bis 17.55 Uhr in Leipzig das so genannte Montagsgebet in der Nikolaikirche Leipzig, mit etwa 2000 Teilnehmern in der Kirche und 1000 Personen auf dem Kirchenvorplatz, statt. In der Kirche sollen u.a. Maßregeln erteilt worden sein, wie sich die Teilnehmer im Falle einer Zuführung durch die Sicherheitskräfte zu verhalten haben. Nach Beendigung des Gebetes haben sich die insgesamt etwa 3000 Personen versammelt und in Sprechchören nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und andere Losungen gerufen. Anschließend setzte sich das Teilnehmerfeld in Richtung Karl-Marx-Platz und Hauptbahnhof in Bewegung...« Es war die erste Montagsdemonstration in Leipzig, weitere mit Zehntausenden Teilnehmern folgten vom gleichen Ort aus. Solch ruhmvolle Vergangenheit prägt das heutige Bild des 800 Jahre alten Gotteshauses; viele seiner Besucher sehen darin ein Widerstandssymbol, manche wohl auch so etwas wie ein Revolutionsmuseum.

Heute kann man bei St. Nikolai auch Kaffee trinken. Oder eine Apfelschorle. Folgt man den handgemalten Hinweisen, kommt man vor dem Altarraum links an einer kleinen Küche vorbei und sieht dann Tische und Stühle zwischen Säulen, in Nischen, unter gotischen Fenstern. Ein kleines Cafe, ein Begegnungsort, der »Nikolaitreff«. Katharina Führer, von der die Idee stammt, wollte jenen, die in Bedrängnis in die Kirche kommen, das Gespräch anbieten. »Viele beten, manche weinen, oft spürt man, dass sie Zuspruch brauchen.« Aber auch jene, denen in ihrer Einsamkeit die Zwiesprache mit Gott nicht genügt, sind eingeladen. Auch Neugierige, Touristen. Schließlich solche, die nicht mehr als Abwechslung oder Kontakt suchen. »Oft spielen wir >Mensch, ärgere dich nicht<«, sagt Katharina Führer. »Das macht Spaß, hilft aber auch manchem in seiner Lage.«

Für Christian Führer, ihren Vater, den Pfarrer der Nikolaikirche, ist das der erste Schritt. »Nicht resignieren«, ist seine Aufforderung, und dazu soll die Kirche ermutigen. »Wir wollen Freiräume bieten, in denen aus Geborgenheit der Mut zur Veränderung wächst.« Der »Nikolaitreff« ist nur das jüngste der kirchlichen Angebote - das erste datiert aus dem Jahr 1990. Damals wurde der »Gesprächskreis Hoffnung« neu belebt. Er war in den 80er Jahren entstanden und sollte jenen beistehen, die an den Verhältnissen in der DDR zu zerbrechen drohten, die weg wollten und nicht wussten, wie. Ihr Problem war im Spätherbst 1989 gelöst; doch schon folgten andere. »Wir sahen bald, was kommt«, erinnert sich Führer- »Geld weg, Arbeit weg, enttäuschte Hoffnungen innerhalb kürzester Zeit. Alles war möglich, und nichts war mehr sicher. Ein geradezu explodierender Seelsorgefall.«

Mit Gesprächen, mit Zuspruch allein war da nichts zu machen. Aber es kam Hilfe - fast triumphierend sieht der Pfarrer seinen Optimismus bestätigt: »Schon einen Tag nachdem wir erstmals zusammengesessen hatten.« Das Sozialamt der evangelischen Kirche im westfälischen Schwerte bot Unterstützung an; mit deren Erfahrungen wurde die »Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig« (KEL) aufgebaut. Erst Beratungsdienst, dann zunehmend auch Beschäftigungsvermittler vor allem für solche Fälle, die das Arbeitsamt längst abgeschrieben hat: Langzeitarbeitslose, Körperbehinderte, Frauen und Männer jenseits der 50. Heute sind einige von ihnen Dienstleister, renovieren Wohnungen, helfen bei Umzügen, machen Botengänge - keine Fulltimejobs, aber

nützliche Tätigkeiten, die ihnen zeigen, dass auch sie noch gebraucht werden.

Einer von ihnen, Mario, steht hoch aufgerichtet vor dem Altar der Nikoilaikirche, versunken ins Gebet. Er dankt und bittet zugleich. Seine Mutter überlebte die Geburt nicht, der Vater war schon früher gestorben. Dreizehn Kinderheime wurden seine Erziehungsberechtigten. Wie sein Leben in einer »Leistungsgesellschaft« verlaufen würde, schien vorgezeichnet. Nur auf die Kirche konnte Mario Karl-Heinz Kai-Uwe Starke, wie der 34-Jährige stolz seinen kompletten Namen diktiert, seine Hoffnung setzen - und die enttäuschte ihn nicht. Sie holte ihn aus der Psychiatrie. Heute arbeitet er zwei Stunden täglich als Bote der Superintendentur - und hat dann sein Zuhause in der Nikolaikirche. Sie ist ihm Ruhepunkt, Betstuhl, Gesprächsort, Familie. Hier findet er Anerkennung; man zeigt, dass man ihn braucht, und er gibt alles zurück, was er hat. »Jesus ging es immer um den einzelnen Menschen«, sagt Führer, »um den Menschen, der keine Lobby hat.«

Das Arbeitslosenproblem Leipzigs, wo 64 000 ohne Beschäftigung sind, löst die KEL mit den 16 Stellen, die sie so geschaffen hat, natürlich nicht. Daher steht sie oft auch vor den Türen des Arbeitsamtes, klopft bei den Regierenden, mahnt und drängt, sucht zugleich Verbündete, bietet ihre Hilfe an. »Jesus«, sagt Christian Führer, »hat sich eingemischt, wo er nicht gerufen wurde - und sich verweigert, wo man ihn gern hätte.« Wer die Nikolaikirche zum Aushängeschild weltverändern-

den, aber doch historischen Heroismus machen möchte, muss erleben, dass sie weiter sehr lebendig ist. Als vor einigen Jahren drei Leipziger Betriebe platt gemacht werden sollten, wurde der Vorgang zum Gegenstand eines Friedensgebets. Hunderte Beschäftigte der Brauerei Reudnitz saßen auf den Kirchenbänken, sprachen über ihre Lage - und waren zornig: So ungerecht lassen wir nicht mit uns umspringen! »Wir haben den Bekanntheitsgrad der Nikolaikirche bewusst genutzt, um für die Leute etwas zu tun«, sagt Führer. Und tut das immer wieder, wenn auch oft nicht so spektakulär. »Wenn wir dem Arbeitsamt Hinweise auf Leute geben, die wir betreuen, ist man durchaus aufgeschlossen«, so Angelika Müller, die die Arbeit der KEL koordiniert.

Man schätzt bei den professionellen Arbeitsbeschaffern die überwiegend ehrenamtliche Tätigkeit der Erwerbsloseninitiative, nicht zuletzt ihr Engagement für Jugendliche. Dafür finanziert das Arbeitsamt sogar die Stelle eines Streetworkers. Uwe Liewald spürt »Problemfälle« im Alter zwischen 16 und 26 auf. Er spricht sie auf der Straße an, sucht Schulbummelanten auf, geht Tipps aus der »Szene« nach. Der 31-Jährige kommt nicht mit Vorhaltungen und Formularen, sondern lädt die jungen Leute ein, in den »Nikolaitreff«, zum Jugendfrühstück jeden Donnerstag, zum persönlichen Gespräch. Wer sich helfen lassen will, dem bietet er Kurse an, um Durchhaltevermögen, sogar Pünktlichkeit zu trainieren. Man erhält Hilfe, um Schule oder Lehre abzuschlie-ßen, wird vielleicht in eine ABM vermittelt. Im Sommer fand ein Forum statt, wo die Jugendlichen mit Leuten aus der Wirt-

schaft ins Gespräch kommen konnten, Adressen austauschen, Termine vereinbaren. Zwei wurden gleich vermittelt, andere erhielten eine neue Chance.

Dennoch: Niederlagen sind häufiger. Fast unaufhörlich klingelt bei Angelika Müller das Telefon. 4657 Leipziger haben sich 1998 an die KEL gewandt, aber über die »Erfolgsquote« weiß sie nichts zu sagen. Die Erwerbsloseninitiative arbeitet nicht wie ein Arbeitsamt, sondern sie kümmert sich auch und gerade um jene, die immer wieder scheitern. Sie können jederzeit wiederkommen, finden Kontaktmöglichkeiten, sinnvolle Betätigungen. Der »Offene Treff« bietet Rechtsberatung, Vorträge, Wanderungen, Möglichkeiten, eigene Talente vorzustellen. Ein Kurssystem offeriert Aufbauendes wie Englisch oder Computer-Selbsthilfe, Nützliches wie Ernährungshilfe, Ablenkendes wie Seidenmalen oder Gymnastik. Auch Obdachlose werden betreut, sofern sie sich aus ihren Verhältnissen befreien wollen.

Man ist schon froh, wenn die Angebote angenommen werden, wenn dem ersten Kontakt ein zweiter und dritter folgt. Denn viele haben resigniert, ziehen sich zurück, scheuen Öffentlichkeit. Oft fühlt sich Führer an die letzten Jahre der DDR erinnert, an das allmähliche Heraustreten aus den Nischen. »Wir müssen auch heute die Menschen zum Handeln ermutigen«, sagt er dann. Immer wieder beobachtet er bei Führungen durch die Kirche, wie die aus dem Osten aufblühen, weil sie sich ihrer Kraft erinnern, während die Westdeutschen oft bescheiden werden. »Nicht die Gewalt von Hammer und Amboss hat hier

etwas verändert, sondern die Kraft des Saatkorns, eine lebensverändernde, friedliche Kraft.«

Christian Führer muss sich selbst immer wieder Mut machen - und nicht zuletzt seinen Mitarbeitern. Denn die Mittel, mit denen sie wirtschaften, werden von Tag zu Tag weniger. Penibel rechnet Angelika Müller vor, woher das Geld kommt: 25 Prozent von der Landeskirche, 14 Prozent vom zuständigen sächsischen Ministerium, 6 Prozent vom Regierungspräsidium, 5,5 Prozent vom Jugendamt, 5,4 Prozent vom Sozialamt, 2,6 Prozent vom Europäischen Sozialfonds, dazu Spenden, Beträge aus einem Fonds der Pfarrer, Selbsterarbeitetes. Es reicht fast nie, und immer wieder müssen alle Fördertöpfe durchgeforstet werden, um neue Finanzquellen zu erschließen. Jetzt bedroht der Sparkurs die Arbeit nicht nur der KEL in Leipzig, sondern aller 14 Einrichtungen, die sich nach dem Vorbild der Nikolaikirche in Sachsen bildeten. »Wir haben euch nun fast zehn Jahre gefördert«, ist zu hören, »jetzt muss sich das allmählich selbst tragen.«

In diesen Tagen ist auch die Leipziger Nikolaikirche Ort hochrangiger Feiern. Am 9 Oktober findet sogar ein zusätzliches Friedensgebet statt, obwohl dies kein Montag, sondern ein Samstag ist. Dann wird das Fernsehen den Betenden in die Gesichter schauen und Christian Führer von Kamera zu Mikrofon gereicht werden. Kaum dürfte dann davon die Rede sein, dass gerade jetzt die Kirchliche Erwerbsloseninitiative selbst zum Sozialfall zu werden drohte. Führer reiste mit anderen nach Dresden, um dem Ministerpräsidenten die unveränderten, sich eher noch verschärfenden Probleme zu schildern. Er habe das Anliegen erkannt, ließ Kurt Biedenkopfwissen, und werde sich dafür einsetzen, dass die Förderung über das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit fortgesetzt wird.

Eine frohe Botschaft zum Revolutionsjubiläum, auf das ansonsten Angelika Müller, ausgebildete Elektronik-Ingenieurin und einst Programmiererin im VEB Maschinenbauhandel, nicht ganz ohne Bitternis schaut: »Für mich ist es das Ereignis, durch das die Erwerbslosenhilfe notwendig wurde. Ich wünschte mir, dass wir sie nicht mehr brauchen - aber das ist wohl ein unerfüllbarer Traum.« Und deswegen wird man in der Leipziger Ritterstraße, nur Schritte von der berühmten Kirche entfernt, weiterarbeiten - auch wenn man manchmal am Sinn, »nur Heftpflaster zu kleben«, zweifelt. Eigentlich wären, so Margrit Klatte, arbeitslose Diplom-Theologin, die in der Warteschleife vor einem Vikariat bei der Beratung der Erwerbslosen hilft, wieder grundlegende Veränderungen der politischen Landschaft nötig, aber sie weiß auch, dass man dafür »ganz klein anfangen« muss.

Christian Führer versteht zwar solche Zweifel, setzt aber seine Hoffnung dagegen. »In der DDR hat kein Mensch geglaubt, dass unser friedliches Mahnen etwas bringt«, macht er sich selber Mut und doch klingt die Verheißung etwas kleinlaut: »Mir kommt es nicht so vor, als sollte es diesmal misslingen.« Führer wünscht sich in der Gesellschaft die »Jesus-Mentalität des Teilens«, regte zum Beispiel die Senkung der Westgehälter auf die Symbolzahl 89 Prozent an, um dem Osten helfen zu können, hat auch in der Kirche selbst zu entsprechender Minderung der Pfarrergehälter beigetragen. Das rüttelt an den Grundfesten, sagte ihm darauf der sächsische Ministerpräsident, und Führer nickte. Er bekennt sich zu seiner Radikalität und sieht zugleich durch die Entwicklung sein Prinzip der Gewaltlosigkeit bedroht: »Es ist weder auszuhalten noch hinzunehmen, dass immer weniger mehr und immer mehr überhaupt nicht mehr arbeiten. Das führt zu Entsolidarisierung und Polarisierung, ist eines Tages nicht mehr steuerbar.« Er holt tief Luft: »Der zweite Teil der Revolution steht noch aus.«

Wenn man ihn hört, weiß man: Dann wird die Nikolaikirche wieder dabei sein.

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