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  • Politik
  • »Sonnenallee« von Haußmann und Brussig

Freiheit zu lachen

Auf Thomas Brussig beispielsweise habe ich schon gewartet, als ich noch gar nicht wusste, dass es ihn gab. Ein fröhlicher Immoralist, ein Simplicissimus im Kampf um die Deutungsgewalt von Geschichte. Heiner Müller postmodern. Allen Tugendtrompetern ein Gräuel. Vor zehn Jahren wäre dieser Film eine »Verunglimpfung der DDR« gewesen, heute gilt er denen, die nicht über die eigenen Verrenkungen lachen können, als »unerträgliche Verharmlosung eines totalitären Unrechtsregimes«. Warum das? Ist es nicht heilsam, dieses Lachen, ist es nicht souverän? Wer will, dass wir ständig gesenkten Hauptes herumlaufen, wo wir doch, streng genommen, überhaupt nichts verbrochen haben - außer, dass wir keine binnenzonalen Widerständkämpfer waren. Obwohl, widerständig irgendwie schon, aber eben keine Kämpfer. Darum können wir heute über uns lachen. Die anderen, die bitterernst-kämpferischen Bohley, Lengsfeld, Templin würden nie über sich lachen. Das ist die eigentliche Mauer zwischen uns. Über diesen inneren Zusammenhang von Freiheit und Lachen wäre an anderer Stelle zu reden. »Das bist auch Du!«, gesamtdeutsch gesehen, fasst Brussigs Schreibimpuls zusammen. Und der immer geradeheraus unverbogene Westjüngling fragt: Wieso ich? Niemals! Solche Charakter-Krüppel kann es nur im Osten gegeben haben. Eigentlich schade, möchte man antworten, da ist euch was entgangen. Zumindest ein Stück Spielkultur mit der Macht.

Zuerst war da die Idee von Regisseur Leander Haußmann, dann das Drehbuch und schließlich der Roman. Was oberflächliche Rezensenten dazu verführt hat, zu meinen, »Sonnenallee« könne als Buch nichts taugen, sei ein halbes Rohfabrikat auf Pointenjagd. Aber gerade das stimmt nicht. Noch mehr als in »Helden wie wir« tritt hier die epische Qualität Brussigs hervor. Ein grandioser Erzähler! Keine bloße Anekdotensammlung zum DDR-Alltag

(obwohl auch das nicht zu verachten wäre), sondern ein Text voller Ironie und Melancholie. Eine poetische Liebeserklärung an die eigene Jugend einerseits und postume Feier des bösen Blicks auf die Absurditäten von offiziösen DDR-Ritualen andererseits. Eine gefährliche Diktatur? Wohl eher eine sehr »kommode Diktatur«, wie Günter Grass sagte, ein Filzpantoffelkönigreich. Muffig, kleinkariert, bis zur Lästigkeit fürsorglich, ehrlich besorgt und erziehungswahnsinnig zugleich.

Und nun der Film. Leander Haußmann gelingt das Kunststück, Unterhaltung und - eine sehr gegenwärtige - Provokation zusammenzubringen. Noch ist der Film gar nicht in den Kinos, schon kommen die ersten Hassreaktionen. Ein Berliner Stadtmagazin versteigt sich zu dem absurden und vorsätzlich bösartigen Urteil, »Sonnenallee« erinnere an »nationalsozialistische Lustspielfilme« und an die »bundesdeutschen Klassenzimmer- und Kasernenhofkomödien der 50er und 60er Jahre.« Gesamturteil: »Politische Instinktlosigkeit« (!), also Unterschätzung des Gegners (PDS), dem solche fröhlichen Filme als »überlange Wahlkampfspots« gerade recht kämen. Irgendwie geht die Komödie also auch nach dem Film weiter.

Brussig und Haußmann räumen in burlesker Überspitzung mit der Legende vom braven Staatsvolk DDR auf, das zum Staat ein »inzestuöses Verhältnis« unterhielt, wie manche Pseudo-Psychoanalytiker mittlerweile ganz ungeniert behaupten. Die im Osten seien eben nie richtig erwachsen geworden und seelisch alle krank. »Sonnenallee« schlägt das Klischee souverän aus der Hand. Vielleicht ist Selbstironie ja die höchste Form des Selbstbewusstseins?

»Sonnenallee«, immerhin der erste Film des Theaterregisseurs Haußmann, besticht durch die glückliche Synthese von Allegorie auf den DDR-Alltag und Präzision im Detail. Wunderbare Schauspieler! Wer das Buch noch nicht gelesen hat, dem sei gesagt: Die »Sonnenallee« liegt mitten in Berlin. Die Mauer teilte sie in ein ganz kurzes Stück Osten und ein sehr langes Westen. Wenn Oberschüler Micha aus

dem Haus tritt, erschallt es vom Aussichtsturm, auf dem Westschulklassen in den Osten blicken, wie in ein Wildgehege: »Eh guck mal, 'n echter Zoni!« Immer wartet der ABVer schon auf Micha, zwecks »Fahndungskontrolle«. Denn Micha und seine Gang haben ihm die sicher geglaubte Beförderung vermasselt. Hätte er auf dem Polizeifest doch nicht Michas Kassette mit »Moscow, Moscow« gespielt!

Die Poesie von »Sonnenallee« kommt aus der Erinnerung an eine nicht rückholbare Intensität des Wünschens. Das große richtige Leben trieb uns um, eingesperrt in der kleinen spießigen DDR! So flächendeckend spießig war sie ja auch wieder nicht, denn Gefangene unserer Vorurteile waren wir wohl weniger als heute mancher »geborene Demokrat«. Unsere Generation blickte neugierig in den Westen und ahnte nicht, dass niemand zurückblickt es sei denn vom Aussichtsturm an der Mauer!

Haußmann gelingt eine ganz und gar nicht-nostalgische Vergegenwärtigung von Jugend, die längst in einer eigenen Gegen-Welt zum offiziösen DDR-Selbstbild lebte. Gewiss keine Verklärung der DDR, aber ihre Entdämonisierung. Allerdings scheint Brussigs Buch nuancenreicher als der Film. Die schöne Geschichte vom in den Todesstreifen gewehten Liebesbrief etwa fehlt im Film. Gänzlich misslungen, weil mit dem ironischen Erzählprinzip brechend, erscheint der Schluss, der etwas vom Aufbruchspathos späterer Montagsdemonstrationen andeuten will. Befreiung aus dem Geiste der Rock-Musik ja, aber dieser »Tanz in die Freiheit« wirkt denn doch etwas zu gezwungen.

Nach »Sonnenallee« und »Helden wie wir« wird der Streit um die richtige Sicht auf die DDR anders geführt werden. Jenseits des bloßen Entweder-Oder. Weg von der Opfer-Täter-Perspektive. Nicht der Westen hat uns befreit, nicht eine Handvoll Bürgerrechtler, sondern wir selbst. Jeder für sich. Eben weil wir keine Fanatiker waren, sondern - rückblickend dürfen wir das sagen - ganz vernünftige und pragmatische Leute. Wo sind wir eigentlich hingelangt, dass uns das schon wieder zur Sensation wird? Wo doch der Herbst '89 vor allem die Bewährung unserer Gelassenheit und Ironie war. Auf die Ankunft dieses Geistes in der Gegenwärt haben wir gewartet.

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