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  • Sebastian Peterson verfilmte Thomas Brussigs »Helden wie wir«

Der Fehler im System

Foto: Senator Film

Die unglaubliche Wahrheit des Mauerfalls: Szene aus dem Film »Helden wie wir

Zu Beginn fahren russische Panzer vorm Haus vorbei. Richtung Prag. Die Gläser in den Schränken klirren - und Klaus Uhltzscht wird geboren. Es ist Sommer 1968.

Was folgt, ist eine »Erziehung der Gefühle« mit Hindernissen. Bis ins Groteske gesteigert. Aber Thomas Brussigs »Helden wie wir« unterscheidet sich doch erheblich von dem so erfolgreich in den Kinos laufenden Happening »Sonnenallee«. Und dieser Unterschied war so nicht zu erwarten. Denn »Helden wie wir« als Buch ist das Werk eines pointenbegabten Skeptikers, eine Sturzgeburt an Einfällen. Ein Bestseller, aber schlicht unverfilmbar. So schien es.

Nun kommt die Geschichte von Klaus Uhltzscht, dem persönlichen Blutspender von Erich Honecker, der mit seinem Riesenpenis die Berliner Mauer zum Einsturz bringt, doch in die Kinos. Wie geht das?

Auf Umwegen. Nicht wegen des Riesenpenis', diesem klassischen Pubertätstraum(a), sondern wegen Brussigs indirekter Erzählweise. Also muss der junge Regisseur Sebastian Peterson, in West-, deutschland geboren und Absolvent der Babelsberger Filmhochschule, in seinem Erstlingsfilm die Geschichte von ihrem Erfahrungskern her neu ins Bild setzen. Dieser Kern ist: Die DDR mit Kinderaugen gesehen und als sperriger Kontext einer durchschnittlichen Pubertät.

Ein Großteil der Kopien von Sebastian Petersons Brussig-Verfilmung »Helden wie wir« werde wohl auf der »anderen Seite der Mauer« landen, mutmaßte soeben die »Woche«. In manchen Köpfen hat man mit viel Beton bereits neue Mauern errichtet. Ostalgie! Heißt, so in Ham-Büfg 1 'aues/was sich nicnt bedingungslos Verwestlicht? Moralisten, und Moral,, das ist ein Gegensatz wie Krieg und Frieden. Die Moralisten zeigen sich von Thomas Brussig irritiert bis verärgert. Überhaupt, das Bild jammernder dumpfer Ostler handhabt man in manchen (auch linken!) Medien wie eine standardisierte Größe. Seht diese kulturelle Unterentwickeltheit, wie sie uns zurückwerfen, diese schwerblütigen Fleischfresser aus dem Osten! So ungefähr. Da stört eine übermütige Comedie- Begabung wie Brussig. Ein Ostler, der das Spießertum karikiert? Das kann nur eine besonders heimtückische Spielart von Ostalgie sein.

Klaus Uhltzscht, nicht sehr hell im Kopf, wird von großen Gefühlen getrieben. Ein bisschen wie Goethes Werther. Nur, dass Uhltzscht sich nie umbringen würde, sondern nach jeder Niederlage beharrlich weiter mit im Strom schwimmt: ein hoffnungsloser »Flachschwimmer«. Die Nichtschwimmer gehen heroisch unter, die Schwimmer retten sich, aber das Schicksal der »Flachschwimmer« ist vor allem peinlich.

Der Sohn einer Hygieneinspektorin und eines Stasimanhes, selber angehender »Tschekist«, ein Spielball von allen und jedem - bringt die Berliner Mauer schließlich zum Einsturz. Ein schönes Sinnbild für den Zufallsgenerator, mittels dessen der »Weltgeist« Schicksal spielt.

Peterson übersetzt den inneren Monolog Klaus Uhltzschts in eine filmische Collage. Und das ist mutig, denn jede Collage

nimmt das Tempo aus der Bilderfolge. Während also Haußmanns »Sonnenallee« als berückend-machtvoller Bildersog daherkommt, besteht Peterson auf Brüchen. Peterson stellt die Frage nach dem vielstrapazierten »wahren Leben im falschen« sehr viel nachdrücklicher als Haußmann. Die Irrungen und Wirrungen des Klaus Uhltzscht gewinnen so an Intensität. Daniel Borgwardt, von Peterson an der Rostocker Schauspielschule für die Rolle entdeckt, zeigt uns Klaus Uhltzscht als einen von der Größe seiner Fantasien überwältigten Simplizissimus. Einen, der schon als Kind die Stasi beobachtet und darüber Protokoll führt. Ein DDR-Musterschüler mit eingebautem Webfehler, der über kurz oder lang jedes System sprengt, ungewollt natürlich, in der Absicht, alles besonders gut zu machen.

Bald verliebt sich Uhltzscht in die Tochter seines Observierungsobjektes »Individualist«. Diese hatte ihm schon Jahre vorher auf der Spielplatzschaukel erklärt, dass Holland das schönste Land der Welt sei. Jetzt druckt sie im Oppositionszirkel Flugblätter. Klaus Uhltzschts Weisheit, dass jedes unbeschriebene Stück Papier ein potenzielles Flugblatt sei, entzückt seine Stasichefs genauso wie seine oppositionelle Freundin. Natürlich hat Klaus Uhltzscht dann doch noch sein Comingout als guter Mensch, die holländischen Tulpen und Windmühlen winken aufreizend idyllisch zu uns hinüber.

Klaus Uhltzscht, der einst als »Romeo« für die Stasi NATO-Sekretärinnen in geheimer Mission verführen wollte und stattdessen in einem als Postaußenstelle getarnten Stasi-Büro sitzt, wo es auch nicht sehr viel anders zugeht als in jeder richtigen Postaußenstelle. Wo er, der »Flachschwimmer«, wöchentlich

schwimmen gehen und im Stasi-Chor singen muss, also unweigerlich bald so mies werden wird, wie er sich fühlt. Dieser Durchschnittstyp Klaus Uhltzscht aber fühlt plötzlich einen Schmerz, der ihn verwirrt und zögern lässt, ihm seine Naivität nimmt.

Ein durch Lebensschmerz geläuterter »Flachschwimmer«! Darauf läuft Petersons »Helden wie wir«-Interpretation hinaus. Das ist sympathisch gedacht. Doch die Zusammenschau von individueller Reifung und Geschichtskaleidoskop mittels Archiv-Dokumenten sowie an sich gelungener Tricksequenzen (»Als Unser Teddy ins Gefängnis geworfen wurde«), lässt manches mitunter allzu sprunghaft wirken. Dennoch behauptet Petersons »Helden wie wir« gegenüber der burlesken »Sonnenallee« eine eigenständigstille Qualität.

Ein Novum auch in anderer Hinsicht: Erstmals überhaupt startet in den Kinos ein Film nicht an einem Donnerstag, sondern am Dienstag. Weil es eben der Film zum 9 November ist.

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