Befreit euch vom Konsum!

Von der Wirtschaftskrise zur subsistenzwirtschaftlichen Perspektive

Die Hungersnot, die bisher vor allem in Asien, in der Pazifikregion, in Afrika, in Lateinamerika und im Nahen Osten tobte, hat letzthin auch in Osteuropa in erschreckendem Maße zugenommen. Von Hunger betroffen sind neben den Entwicklungs- und Schwellenländern immer häufiger auch Industrieländer. Die Quantenphysikerin, Ökofeministin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises Vandana Shiva hat darauf hingewiesen, dass der erschreckenden Anzahl von weltweit einer Milliarde Hungernder eine weitere Milliarde Fehlernährter gegenübersteht, die an Übergewicht leiden. Shivas Kritik richtet sich gegen ein System, das Krankheiten und Mangel erzeugt, während es andererseits Billionen Dollar an Profiten für das Agrobusiness erwirtschaftet. Ein solches System, so Shiva, habe sich auf die systematische Produktion menschlicher Armut spezialisiert. Armut ist das Ergebnis eines ökonomischen Paradigmas, das soziale und ökologische Systeme vernichtet, die den Erhalt von Leben, Gesundheit und Subsistenz für den Planeten und die Menschen garantieren.

Die Friedensforscherin Margret Johannsen erkennt in der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich eine zusätzliche Bedrohung für den ohnehin gefährdeten Weltfrieden. Bei der Vorstellung des Friedensgutachtens 2012 hat Johannsen darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Eurokrise und die daraus resultierende Verarmung der Bevölkerung auf das nationale wie das internationale Gleichgewicht negativer auswirken als erwartet. Während Politik, öffentliche und private Kreditinstitute, Spekulanten und Interessenvertreter ungeschoren davonkommen, unterliegt die Bevölkerung einem drastischen Spardiktat, das lediglich dazu beiträgt, die geschwächten Volkswirtschaften weiter zu schwächen und den gebeutelten Sozialstaat weiter abzubauen. Es kann kaum verwundern, dass das überhebliche Verhalten der mächtigeren Volkswirtschaften (wie Deutschland) gegenüber den schwächeren europaweit einen neuen Nationalismus schürt. Bestärkt wird der durch mediale Hetzkampagnen, die den südlichen Ländern die Schuld an der Eurokrise in die Schuhe schieben. Ausdrücklich warnt Margaret Johannsen bestimmte Medien davor, Staaten wie Griechenland, Italien oder Spanien als südländische Faulenzer zu beschimpfen. Für höhere Auflagen oder steigende Zuschauerquoten wird das Risiko eingegangen, den schwer errungenen Bund europäischer Länder systematisch auseinanderzutreiben.

Was in Europa gilt, gilt in der Welt: Je weiter die Bereitschaft zu einem solidarischen Miteinander schrumpft, desto brüchiger werden die Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben.

Die globalen Bevölkerungszahlen steigen weiter an, während gleichzeitig die zur Verfügung stehenden Ressourcen abnehmen. Es ist zu befürchten, dass die Grenzen des Wachstums schneller erreicht werden als bisher angenommen. Doch ungeachtet der Tatsache, dass Lebensstandard und Konsummuster der reichen Industrieländer des Nordens auf Dauer nicht tragbar sind, halten die meisten Strategien am Paradigma des unbegrenzten Wachstums und der nachholenden Entwicklung fest. Die Sozialwissenschaftlerin Maria Mies ist davon überzeugt, dass der Reichtum des Nordens nach wie vor auf der Ausraubung und der Kolonialisierung des Südens und der Natur basiert. Der Überkonsum in den reichen Industrieländern führt zu einer raschen Erschöpfung der Ressourcen, zu rapide ansteigenden Müllbergen, zu giftigen Abfällen, zur Zerstörung der Ozonschicht und zum Treibhauseffekt. Diese globalen Folgen des Industrie- und Wachstumsmodells werden zu achtzig Prozent von den Industriestaaten verursacht. Wenn man versuchen würde, den Lebensstandard der Industrieländer zu verallgemeinern, bräuchte man zwei zusätzliche Planeten: einen, um die zusätzlichen Rohstoffe zu gewinnen, den anderen, um den Müll abzuladen.

Die Fortsetzung des Wachstumsmodells wird zu weiterer ökologischer Zerstörung, darüber hinaus aber auch zu ansteigender Ungleichheit und Gewalt führen. Profitgier und Wachstumswahn müssen dringend überwunden werden, um einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken.

Einen Ansatz, die Wirtschafts- und Ökokrise zu überwinden, sehen Vandana Shiva und Maria Mies in der subsistenzwirtschaftlichen Perspektive. Der Begriff Subsistenz wurde seinerzeit entwickelt, um die unsichtbare, unbezahlte oder unterbezahlte Arbeit von Hausfrauen, Bauern und Kleinproduzenten im informellen Sektor zu analysieren. Die wichtigsten Wirtschaftsprinzipien der Subsistenzperspektive sind die Selbstversorgung und die Dezentralisierung der Staatsbürokratie. Angestrebt wird nicht die Produktion von Waren und Geld für den anonymen Markt, sondern die Befriedigung von Grundbedürfnissen durch die Herstellung von Gebrauchswerten. Dadurch könnte eine neue Beziehung zur Natur entstehen, die nicht darauf abzielt, diese rücksichtslos und aus reiner materieller Profitgier auszubeuten. Dem Menschen würde die Möglichkeit geboten werden, in respektvoller, kooperativer und reziproker Weise mit der Umwelt zu interagieren, um letztlich anzuerkennen, dass er ein Teil von ihr ist.

Zeitgleich würden auch die zwischenmenschlichen Beziehungen einer Wandlung unterworfen werden, da es einer zuverlässigen Gemeinschaft bedürfte, um die Geld- und Warenbeziehungen durch Prinzipien der Gerechtigkeit, Reziprozität, Solidarität und Zuverlässigkeit zu ersetzen. Jeder Einzelne wäre aufgefordert, die Verantwortung am Ganzen mitzutragen, denn politische Verantwortung sollte - nach dem Prinzip, dass das Politische persönlich ist - nicht einzig und allein von den gewählten »Repräsentanten« des Volkes getragen werden, sondern von der Gemeinschaft.

Alle Gesellschaften dieser Erde sind auf eine intakte Natur angewiesen. Die wirtschaftliche Ausbeutung aber zerstört das Gemeingut Natur als Naturdenkmal wie als Ressource. Alle, sowohl »Reiche« als auch »Arme«, haben die verheerenden Folgen dieser Zerstörung zu tragen, denn »Menschen sterben nicht daran, dass sie zu wenig verdienen, Menschen sterben, weil sie keinen Zugang zu Ressourcen haben« (Maria Mies). Subsistenzsicherheit lässt sich laut Shiva und für Mies nicht durch ein Bankkonto oder durch Sozialleistungen herbeiführen, vielmehr beruht sie auf dem Prinzip der Mitverantwortung und des Vertrauens in eine Gemeinschaft, die die Natur als Gemeingut betrachtet, nicht als auszubeutende Ressource. Die Subsistenzperspektive folgt der Erkenntnis, dass soziale Gerechtigkeit nicht isoliert und technisch herbeigeführt werden kann, da soziale und ökologische Angelegenheiten eine gemeinsame Lösung erfordern. Gemeinschaftseigene Güter wie Wasser, Luft und Boden sollen weder privatisiert noch kommerzialisiert, sondern durch gemeinsame Verantwortung erhalten, geschützt und erneuert werden.

Ein hoher Lebensstandard, der auf Ausbeutung endlicher natürlicher und menschlicher Ressourcen basiert, lässt sich mit einer heilen und gerechten Welt nicht in Einklang bringen. So hält Maria Mies die Aussage, dass die heutige Gesellschaft in der Lage sei, allen Menschen ein glückliches Leben und einen steigenden Lebensstandard zu gewähren, für die moderne Lebenslüge schlechthin. Denn in Wirklichkeit haben wir für die Erhöhung des Lebensstandards unser Leben geopfert. Wir wurden dazu verleitet zu glauben, wir könnten immer mehr Waren, Komfort, Reichtum und Bequemlichkeiten haben und gleichzeitig ein »glückliches Leben« in einer heilen und unverseuchten Natur, im Frieden mit anderen Völkern, im Frieden zwischen Männern und Frauen führen. Die Umweltkatastrophen haben uns aber unmissverständlich vor Augen geführt, dass beides zusammen nicht möglich ist. Mitten im Warenreichtum leben wir jetzt im Mangel - wie im Krieg. Der Mangel ist psychisch: ein Gefühl von Leere und Verzweiflung, aber auch materiell: Es fehlt an gesundem Essen, an unverseuchter Milch, an unversehrten Orten, an denen Kinder unbefangen spielen können, ohne Angst.

Viele haben die Notwendigkeit einer Lebensstiländerung erkannt. Für all diejenigen, die sich dazu entschlossen haben, hat die Ökofeministin Maria Mies eine »neue Definition des Begriffs von ›gutem Leben‹« parat. Eine solche Bestimmung »wird nicht einfach Verzicht predigen, sondern die Werte hervorheben, die in unserer Konsum- und Leistungsgesellschaft auf der Strecke bleiben, z. B. Kooperation anstatt Konkurrenz, Respekt vor allen Wesen und ihrer Verschiedenheit anstatt ihrer Verwertung und Standardisierung, Selbstversorgung (self-sufficiency) anstatt Abhängigkeit von externen Märkten, Absage an Ausbeutung und Kolonisierung als Grundlage für eigene Vorteile, Gemeinschaftlichkeit statt Verfolgung privater und egoistischer Einzelinteressen, Kreativität, Souveränität und Würde statt dauerndem ›Schielen nach oben‹, Befriedigung in der eigenen Arbeit statt imitativem und kompensatorischem Konsum und statt eines stets steigenden quantitativen Lebensstandards Lebensfreude und Glück, die aus der Zusammenarbeit mit anderen und einer sinnvollen Tätigkeit entspringen. All diese Werte können zu einem großen Teil ohne oder zumindest mit weniger Warenkonsum realisiert werden. Sie bedeuten keinen Verzicht, sondern im Prinzip die Einforderung eines anspruchsvolleren, glücklicheren, gesünderen, heitereren Lebens. Konsumbefreiung bedeutet eine Verbesserung der Lebensqualität, nicht bloße Askese.«

Eine Befreiung vom Konsum würde beweisen, dass Menschen in ihren Bedürfnissen nicht unersättlich sind. Zudem würde eine Konsumbefreiungsbewegung der reichen Länder und Klassen dazu beitragen, die ökologische Vernichtung zu bremsen, die Menschen glücklicher zu machen und somit das Modell des imitativen Konsums zu entschärfen. Dieses Umdenken würde langfristig zu ökonomisch-sozialen strukturellen Veränderungen zum Wohle sowohl des Menschen als auch der Natur führen.

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