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Was du nie vergisst

JANINE DI GIOVANNI: Wahre Geschichte von Liebe und Krieg

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Noch einmal, wohl das letzte Mal, reist Janine di Giovanni nach Sarajevo, wo sie fünfzehn Jahre zuvor, als die Stadt belagert war, den Mann ihrer großen Liebe kennengelernt hatte, den Kriegsfotografen Bruno Giridon. Während sie in der Stadt nach Nusrat fahndet, einem Roma, den sie, als er noch Kind war, ins Herz geschlossen hatte, tun sich vor ihrem inneren Auge alte Schreckensbilder auf: Ein Hund trottet mit einer Menschenhand im Maul durch eine zerbombte Gasse; Kinder, die einen Schneemann bauen, geraten unter Beschuss und werden alle getötet; ein alter Mann, der im Leichenschauhaus arbeitet, bricht zusammen, als der eigene Sohn tot eingeliefert wird.

Janine di Giovanni glaubt, den kleinen Nusrat über Trümmer klettern zu sehen, wie immer in Lumpen gekleidet, die Hände gegen die Winterkälte in Wollsocken gesteckt, und wie er mit seinen dunklen Augen um sich späht. Sie will ihn finden. Und findet ihn schließlich in einem kleinen Café, neben sich die Plastiktüten mit seiner ganzen Habe. Noch immer ist er obdachlos, ein junger Roma auf der Flucht. Es ist Frieden. Für ihn aber hat der Krieg kein Ende. Auch nicht für sie. Janine di Giovanni fragt sich, warum sich die Menschen damals vor langer Zeit an einem fernen Ort zerfetzten und warum das ein Bestandteil ihres eigenen Lebens blieb. »Lass alles los«, rät ihr ein Freund. »Versuche so glücklich zu leben wie eben möglich...« Doch die ghosts by daylight (der Titel des englischen Originals) verfolgen sie weiterhin.

Verfolgen auch ihren Mann in seiner kleinen Einzimmerwohnung in Paris, ihn, der sich in all den Kriegen nie zu fürchten schien, allen Gefahren getrotzt, sie sämtlich überlebt hatte. Seiner über alles geliebten Frau hat er beispielhaft zur Seite gestanden, dem kleinen Sohn Luca war er ein wunderbarer Vater gewesen. Die Familie hatte er in einer prächtigen, von ihm selbst bestens eingerichteten Wohnung am rechten Seineufer untergebracht. Dort hätten sie zufrieden leben können, wären da nicht die Geister gewesen, Erinnerungen an all die Kriege. Die Geister lassen sie nicht los, stören ihre Gemeinsamkeit. Selbst ihr kleiner, lang ersehnter Luca hält sie nicht länger zusammen. So sehr sie sich lieben, es kommt zur Trennung.

Und keineswegs gesagt ist, dass Janine di Giovanni in den sechs Jahren, die sie an ihrem Buch arbeitet, die Gespenster hat abschütteln können. Sie werden allgegenwärtig geblieben sein. Wie auch nicht! Bei all den Kriegsschauplätzen, zu denen sie, zu denen ihr Mann entsandt worden waren - Afghanistan, Somalia, Bosnien, Ost Timor, Birma und Äthiopien, Irak und Kurdistan, zum Nahen und Fernen Osten.

»Ich hatte um ein Wunder gebeten, und es war eingetreten: mein Sohn«, schreibt Janine di Giovanni. Das sehr innige Foto von Mutter und Kind, das der Bloomsbury Verlag in einem Faltblatt veröffentlichte, stimmt nachdenklich: Wie konnte der Frau, wie konnte dem Mann bei all dem erlebten Elend, all der Verheerung ein solches Glück beschieden bleiben ... Gut nur, dass es Freunde gab, die Janine die Giovanni zu ihrem Buch ermunterten, und dass Bruno Giridon, ihr Mann, den schönen Satz sprach: »Ich würde es niemals wagen, ein Wort daran zu ändern. Es ist deine Geschichte, und du musst sie erzählen.«

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