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Darf man das - auf Touritour mal Armut gucken?

Slumtourismus: Randphänomen, Ablasshandel oder Entwicklungshilfe

Ein Bus steuert eine Müllhalde in einer Dritte-Welt-Metropole an und parkt. Touristen steigen aus, von allen Seiten nähern sich Menschen, die hier leben - im und vom Müll. Sie haben die Touristen erwartet. Die Busse kommen regelmäßig, die Touristen fotografieren, kaufen kleine Souvenirs, geben ein bisschen Geld und erzählen später von den schlimmen hygienischen Verhältnissen, von der Armut, dem Elend.

Dürfen die das? Es kommt auf die Tour an, sagt Dr. Eveline Dürr, Professorin für Ethnologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München, die auf diesem Gebiet forscht - auf einer Müllhalde in Mexiko City. Slumtouren, die auf den Begriff Slum - für bescheidene Behausung - und das Verb Slumming - im Slum herumwandern - zurückgehen, sind keineswegs neu, gibt die Wissenschaftlerin zu bedenken. Es habe sie schon im 19. Jahrhundert gegeben - im Zug der Industrialisierung in den Elendsvierteln von London und später dann im »schwarzen« New York. Allerdings sei der Zulauf seit den 1990er Jahren stetig gestiegen - auch dank der Medien, der Rio-Konferenz zum Thema Nachhaltigkeit und Filmen wie »Slumdog Millionaire«.

Nach Dürrs Erfahrung entscheiden sich Touristen heute für Slumtouren, weil sie sich im Schutz einer Tour sicher fühlen und trotzdem den Reiz des Exotischen, ja eines Tabubruchs erleben könnten - das sehen, was andere nicht sehen, die andere, nicht touristische Seite. Authentizität, die »in den Kulissen, die für Touristen aufgezogen sind«, nicht zu finden ist. Die Motivation sei so vielfältig wie die Touristen selbst, ist die Professorin überzeugt. »Da gibt es die Flitterwöchner, die einmal aus der heilen Welt des Resorts ausbrechen wollen, die Eltern, die ihren Kindern zeigen wollen, wie gut sie es zu Hause haben, und die Gutmenschen, die helfen wollen.«

Auch Birgit Steck, Geschäftsführerin des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung, die selbst jahrelang in Afrika gelebt hat, kann nicht den typischen Slumtouristen ausmachen. »Diese Art von Tourismus wird von vielen wahrgenommen, nicht nur von Backpackern«, hat sie beobachtet. Der Studienkreis versuche mit dem TO DO!-Wettbewerb für sozialverträglichen Tourismus Projekte zu unterstützen, »die von Einheimischen initiiert sind, aus deren Alltag heraus entstehen« und »die Begegnung auf Augenhöhe« ermöglichten. Man wolle nicht Menschen ausstellen, sie zu Objekten der Neugierde degradieren, sondern zu handelnden Subjekten machen, und damit »den Menschen die Chance geben, vom Tourismusgeschehen auch zu profitieren«. Die Begegnung im Slum könne dann im Idealfall zum beiderseitigem Austausch und kulturellem Verständnis beitragen.

Eine Sicht, die Frano Ilic, Pressesprecher des Studienreisespezialisten Studiosus teilt. Slumtouren, die Studiosus nur in Südafrika und Namibia anbietet, sind für ihn »nur immer eine Momentaufnahme«. Besuche von Projekten, die von der Studiosus-Foundation (www.studiosus-foundation.org) unterstützt werden, kämen aber bei den Gästen sehr gut an. Sie schätzten es, mit den Menschen vor Ort direkt ins Gespräch zu kommen, aus erster Hand Neues zu erfahren und das »in einem tendenziell positiven Umfeld«. Auf der anderen Seite, so Ilic, bekämen die Menschen vor Ort Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung - und da komme dem Reiseleiter eine wichtige Rolle zu. Solche Touren dürften aber nicht überstrapaziert werden und sollten gut vorbereitet sein.

Für Hans-Jörg Hussong, Geschäftsführer des Indien-Spezialisten Comtour ist das keine Frage. »Ich kannte Slums, schon bevor ich den Tourismus kannte«, sagt er. Hussong hat für die Entwicklungshilfe in Indien gearbeitet und früh schon festgestellt, wie diffus der Begriff Slum ist. »Das sind organisierte Einheiten, nicht nur Wohn- sondern auch Produktionsstätten«, versucht er eine Erklärung. In Dharavi etwa, dem zu Filmehren gekommenen Slum von Bombay, lebten 500 000 Menschen und weitere 100 000 kämen täglich zur Arbeit. Slumtouren, die er persönlich nicht touristisch vermarkten will, böten den Menschen Gelegenheit, auf ihre Probleme aufmerksam zu machen, aber auch ihren Stolz zu zeigen. In Dharavi etwa seien viele Menschen verwurzelt, es gebe Schulen, ja sogar Krankenhäuser. Jetzt wolle die Stadt »den Slum plattmachen und Hochhäuser hinstellen«. Die Menschen in Dharavi aber wollten ihre Nachbarschaft nicht verlieren, ihre Produktionsstätten, ihre Heimat. Da nütze ihnen die Aufmerksamkeit auch der Touristen.

Birgit Steck hat andere Erfahrungen gemacht - dass Organisatoren, auch Behörden, von der Misere profitieren. Hin und wieder würden Missstände in Schulen und Waisenhäusern nicht abgestellt, nur um die Touristen zu schockieren und zu weiteren Spenden zu animieren. Da würden dann selbst Kinder zu Opfern einer Mitleidsindustrie. »Wir kommen aus einem relativ reglementierten Land«, versucht die Geschäftsführerin des Studienkreises eine Erklärung, »und machen uns zu wenig Gedanken über den rechtsfreien Raum eines Slums.« Für Eveline Dürr wiederum ist eine andere Vorstellung reines Wunschdenken: »Augenhöhe zwischen Touristen und Slumbewohnern gibt es in der Praxis nicht«, stellt sie klar.

Was also ist Slumtourismus? Ein Geschäft (Steck), eine Art Ablasshandel (Hussong), eine intelligente Strategie, aus reichen Ländern Geld in andre Zusammenhänge zu befördern (Dürr), ein Randphänomen (Ilic). Im besten Sinn erweitert diese Art von Tourismus, die es im Übrigen auch in den Elendsvierteln europäischer Städte gibt, den Horizont, bietet einen Mehrwert an Wissen und Information. Es bleibt allerdings eine Herausforderung für die Veranstalter, die Klischees zu durchbrechen statt sie zu bedienen.

  • Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V., Bahnhofstraße 8, 82229 Seefeld-Hechendorf
  • Tel.: (08152) 999 01-0, Fax: -66, E-Mail: info@studienkreis.org, www.studienkreis.org
  • Projekte, die der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung ausgezeichnet hat finden Sie unter: www.todo-contest.org

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