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Indirekte Rede

Die Tochter des ehemaligen NS-Richters und CDU-Ministerpräsidenten Filbinger erinnert sich

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

Augenzeugen können berichten: Susanna Filbinger-Riggert hat am Donnerstagabend in einer Berliner Buchhandlung tatsächlich ihre »Vater-Tochter-Biografie« vorgestellt. Für die 50 Besucher gab es sogar etwas Besonderes. Die Version des Buches, die sie an diesem Abend erwerben konnten, kann ein echtes Sammlerstück werden. Denn ob die Fassung, die Anfang Mai in die Läden kommen soll, mit der jetzigen übereinstimmt, ist längst nicht ausgemacht. Matthias Filbinger, Susannas jüngerer Bruder, kämpft gegen die Veröffentlichung. Er sieht seine Persönlichkeit verletzt - und auch die seines 2007 verstorbenen Vaters, des früheren Stuttgarter Ministerpräsidenten, gewesenen Marinerichters und »furchtbaren Juristen«, der als Staatsanwalt und Richter im Zweiten Weltkrieges an Todesurteilen gegen Deserteure beteiligt war und 1978 zurücktreten musste.

Susanna Filbinger-Riggert fand nach dem Tod ihres Vaters dessen Tagebücher, die er seit jungen Jahren geführt hatte. Nicht zuletzt wegen des Rummels, der auf die Grabrede von Günther Oettinger folgte, beschloss die Tochter, die Kladden zu lesen und zu verarbeiten. Und diese Ausgangslage diktiert das Interesse an dem Buch: So sehr Filbinger-Riggert von sich erzählen will, so sehr will die Öffentlichkeit wissen, was Hans Filbinger, der seinerzeit beteuert hatte, die - teils gegen Abwesende verhängten - Todesurteile schlicht vergessen zu haben, an den betreffenden Tagen privat notierte. Und ob er, immerhin Parteimitglied, ein »überzeugter Nazi« war.

Letzeres meint Filbinger-Riggert dementieren zu können, wobei sie allerdings auch Oettingers 2007 vorgebrachter These vom heimlichen Nazigegner widerspricht. Bezüglich der ersten Frage bleibt das Fazit schmal: Offenbar steht nicht viel Weiterführendes in den Notizen. Doch wirklich weiß man das nicht, denn einstweilen hat der Campus-Verlag von einer Fassung des Buches, die Originalzitate beinhaltete, Abstand genommen. Hans Filbinger gibt es also bis auf weiteres nur in indirekter Rede - was zu dem Panorama jenes autoritär-jovialen und sich keiner Schuld bewussten westdeutschen Nachkriegs-Ehrenmänner-Milieus passt, das Filbinger-Riggert sprachlich sehr gelungen entrollt.

Filbingers Fall schlug seinerzeit deshalb so hohe Wellen, weil der Mann nichts getan hatte, was nicht viele andere auch getan hatten, ordnungsgemäß mitgetan nämlich. An seiner Biografie wurde unterschwellig über jenes Konstrukt aus Befehlsnotstand und »heimlicher« Dissidenz verhandelt, das die Lebenslüge dieser Generation darstellte - und während der Durchschnitt im Begriff war, damit durchzukommen, wurde am einmal Exponierten das Exempel statuiert. So mutig es anfangs war, gegen einen wie Filbinger das Wort zu erheben, so verlogen war das Endergebnis der Debatte: Die Rehabilitation der Deserteure begann erst Jahrzehnte später. Hans Filbinger hat diese Bigotterie instinktiv gespürt und den Rest seines Lebens gegrollt. Und siehe da, der Patriarch zürnt noch immer.

Susanna Filbinger-Riggert: Kein Weißes Blatt, Campus, 19,95 Euro

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