Ein paar Chiemgauer für einen Cappuccino

Beim Regiogeldkongress treffen Postwachstumsökonomen auf Occupy-Vordenker

Mit lokaler Währung gegen den globalen Poker: Rund ein Dutzend Regiogeldinitiativen in Deutschland haben inzwischen eine funktionierende Bezahlalternative etabliert. Als eine der ersten Regionalwährungen begann der »Chiemgauer« vor zehn Jahren zu zirkulieren. Das Jubiläum haben 300 Regionalwährungsfans und Postwachstumsökonomen am Wochenende in Traunstein gefeiert.

Ein einheitlicher Tenor war angesichts der zahlreichen, völlig unterschiedlichen Ideen in der Alternativwirtschaftsszene zur Überwindung der aktuellen Krise nicht zu erwarten. Auf dem Regiogeldkongress vom 3. bis 5. Mai im oberbayrischen Traunstein plädierten Fans der US-Forscher Michael Hudson und David Graeber für einen Schuldenschnitt, Anhänger des Ökonomen Joachim Strabatty wünschten den Ausstieg aus dem Euro. Occupy-Vordenker Charles Eisenstein wollte die Menschen von einer neuen »Ökonomie der Verbundenheit« überzeugen. Die Kapitalismuskritikerin und Autorin des Buches »Occupy Money«, Margrit Kennedy, hoffte auf eine Zusammenschau der vielen einzeln diskutierten Lösungen - mit Regionalwährungen wie dem Chiemgauer als ein integrales Element.

Den nimmt Karin Wiedemann in ihrem Geschäft im Nachbarort Waging gern entgegen. »Regiogeld ist eine einfache Art, etwas für die Region zu tun«, sagt sie. Wiedemann verkauft Pfannen, Schneebesen, Töpfe und Mixer. Mit dem Verkauf eines Siebes nimmt sie fünf Chiemgauer ein - das entspricht fünf Euro. Die gibt sie gleich wieder aus, wenn sie im Café gegenüber Cappuccino und Croissant bestellt.

In 630 Unternehmen, vom Stehimbiss in Rosenheim über den »Radl Sepp« in Ruhpolding bis hin zur Raublinger Kochschule ist der Chiemgauer inzwischen als Zahlungsmittel anerkannt. Ständig kommen neue Anbieter hinzu, jüngst zum Beispiel das Seminarhotel der Jonathan Bewusst-Sein GmbH in Chieming/Hart. 3500 Vereinsmitglieder nutzen die Komplementärwährung.

Zur Polarisierung kommt es immer wieder, wenn versucht wird, Menschen mit der Währung zwangszubeglücken - etwa als Teil des Lohns. Die Idee wurde auch im Unternehmen St. Leonhards Quelle diskutiert - und verworfen. Obwohl das Unternehmen so viele bunte Scheine einnimmt, dass diese bei weitem nicht ausgegeben werden können. »Wir müssen 90 Prozent zurücktauschen«, sagt Nachhaltigkeitsbeauftragter Dominik Sennes. Das kostet: Für 100 Chiemgauer gibt es nur 95 Euro zurück. Zwei Euro fließen dem Chiemgauer-Verein zu, drei Euro kommen sozialen Organisationen und alternativen Einrichtungen wie der Rosenheimer Waldorfschule zugute.

Dass alternatives Geld dem globalen Handel einen Riegel vorschiebt, ist für Regionalwährungspäpstin Margrit Kennedy zugleich ihr Vor- wie ihr Nachteil. Je nach Perspektive. Wer auf (Billig-)Waren aus aller Welt nicht verzichten möchte, ist mit dem Chiemgauer oder anderen regionalen Währungen wie dem Roland oder dem Lindentaler in der Regel schlecht bedient.

Wobei für Kennedy der Blick rein auf den Konsum zu kurz greift. Letztlich gehe es um das Problem der Umverteilung von Arm zu Reich durch den Zins- und Zinseszinseffekt. »Regionalwährungen sind Laboratorien für einen anderen Umgang mit Geld«, sagt Kennedy. Ständig entstehen in Deutschland neue Initiativen, in denen mit Umlaufsicherung und Zinsfreiheit experimentiert wird.

Dass diese Initiativen bei aller Experimentierfreudigkeit auf dem Teppich bleiben, dafür setzt sich seit 2006 der Regiogeldverband ein. »Esoteriker und Verschwörungstheoretiker haben bei uns nichts verloren«, sagt Vorstandsmitglied Frank Jansky. Den kürzlich verabschiedeten Qualitätskriterien zufolge müssen »echte« Regiogeldinitiativen demokratisch und gemeinwohlorientiert arbeiten. Darum distanziert sich der Verband nachdrücklich etwa von Peter Fitzeks »Engelgeld«. Dessen rechtsesoterischer Verein »Neudeutschland« setzt sich für ein Deutschland in den Grenzen von 1937 ein. Vor allem in Ostdeutschland gibt es laut Jansky mehrere »braune« Komplementärwährungen.

Diese sind nicht das einzige Problem des Regiogeldverbandes - auch gescheiterte Initiativen machen der Organisation zu schaffen. Jansky: »Die Berliner Regionalwährung ging unrühmlich ein.« Am Ende waren die Akteure nicht mehr greifbar, und so konnte das Alternativgeld nicht mehr eingetauscht werden: »So etwas wirft ein schlechtes Licht auf die gesamte Bewegung.«

Die versucht sich allen Widerständen und Widrigkeiten zum Trotz über das Geschäftsfeld »Komplementärwährung« hinaus zu professionalisieren. Bestes Beispiel ist die Sozialgenossenschaft Regiostar. Die bringt den Sterntaler in Umlauf, betreibt einen Dorfladen, koordiniert einen Tauschkreis für Talente und hat ein Permakultur- sowie ein Solarenergieprojekt etabliert.

Auf diese Weise einen Damm gegen das neoliberale Wirtschaften zu errichten, ist für Postwachstumsökonomen wie Niko Paech das eine. Zwingend hinzukommen muss nach seiner Ansicht ein von »Suffizienz« geprägter Lebensstil, wie er auf dem Regiogeldkongress sagte: »Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir unseren Wohlstand reduzieren müssen.«

http://www.jonathan-seminarhotel.de
http://www.chiemgauer-kongress.de/

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