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Eine anarchistische Bewegung - gibt es so etwas?

Ein Blick auf Oskar Lubins »Triple A - Anarchismus, Aktivismus, Allianzen« und den anarchistischen Büchersommer

In diesem Sommer landet eine Reihe von Büchern über den Anarchismus im deutschen Buchhandel. Gibt es eine einheitlich Bewegung?

Während der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan unlängst polemisch fragte, ob man die städtischen Plätze den Anarchisten überlassen könne, wurde in der konservativen »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« der Anarchismus im Zuge der Besetzung von »Occupy Wall Street« zur positiv besetzten Kernidee der neuen sozialen Bewegungen stilisiert und gefragt, ob er die linke Utopie der Zukunft sei. In den Berliner Stadtteilen Neukölln und Kreuzberg hängen zahlreiche anarchistische Plakate an Hausmauern, die zum Teil martialisch bebildert zum Aufstand aufrufen, Solidarität mit den Protesten in Istanbul oder den Opfern von Hausdurchsuchungen in Brüssel einfordern. Vor der diesjährigen Demonstration am 1. Mai in Berlin meldeten sich in Internetaufrufen anarchistische Gruppen zu Wort, diskutierten über den möglichen Ablauf und die Sinnfälligkeit des Protestrituals, wobei der Umgang mit polizeilicher Repression im Vordergrund stand.

Gleichzeitig gibt es eine regelrechte Schwemme an Buchtiteln zum Thema Anarchismus: diverse Essaybände zur Occupy-Bewegung sind erschienen, Edition Assemblage gibt im kommenden Herbst ein anarchistisches Wörterbuch heraus, und der Nautilus-Verlag gibt demnächst mit dem fast 500 Seiten dicken Wälzer »Schwarze Flamme« einen globalen Überblick über die anarchistische Bewegung. Nur - gibt es heute überhaupt eine anarchistische Bewegung? Nein, die gibt es nicht, sagt Oskar Lubin, der mit seiner gerade erschienenen Streitschrift »Triple A - Anarchismus, Aktivismus, Allianzen« einen pointierten Beitrag zum Thema liefert. Es gibt Anarchisten, anarchistische Ideen, aber keine breitenwirksame Bewegung, so Lubin.

Antiautoritäre und soziale Bewegungen - egal ob sie globalisierungskritisch sind oder sich gegen Atomenergie oder Gentrifizierung richten - erleben immer wieder eine Einspeisung anarchistischer Praktiken. Das reicht von der direkten Aktion, wenn ohne Anmeldungen Demonstrationen veranstaltet werden, wie etwa zuletzt eine Solidaritätsdemonstration in Berlin-Kreuzberg gegen den Polizeikessel bei Blockupy oder Ende Juni in Berlin-Friedrichshain gegen Mietsteigerungen. Auch die Vollversammlungen von Occupy und den spanischen Indignados sind an basisdemokratische anarchistische Praktiken angelehnt. Gleichzeitig erzeugt ein anarchosyndikalistischer Verband wie die FAU mediale Präsenz ebenso in der Auseinandersetzung um Arbeitsrechte wie unlängst beim Öffentlichmachen prekärer Beschäftigungsverhältnisse bei der Heinrich-Böll-Stiftung als auch bei Krisenprotesten wie dem M31-Bündnis, das Ende März 2012 in Frankfurt demonstrierte.

Von einer Massenbasis ist der Anarchismus heute aber weit entfernt. Dabei war die anarchosyndikalistische CNT der 1930er Jahre in Spanien mit zwei Millionen Mitgliedern eine der größten Gewerkschaften der Welt. Auch in den USA spielte der Anarchismus für die Arbeiterbewegung eine zentrale Rolle, wie etwa bei den Haymarket-Riots 1886, bei denen um die Einführung eines Acht-Stunden-Tages gekämpft wurde und die als historischer Referenzpunkt für den ersten Mai als Arbeiterkampftag gelten.

Oskar Lubin konstatiert, dass es sich beim anarchistischen Aktivismus heute um ein Nischenphänomen handele, woraus sich strategische Optionen ergäben. Statt sich von weniger radikalen Aktivisten abzugrenzen, sollten die Anarchisten Bündnisse schmieden. Warum sich nicht mit Pro-Asyl koordinieren, wenn es um Flüchtlingspolitik geht oder mit der Linkspartei im Kampf gegen die Sozialgesetzgebung von Hartz IV? Es gehe darum, Kräfteverhältnisse zu verschieben, anstatt sich den Illusionen breitenwirksamer Proteste hinzugeben.

Lubin sieht gerade im aktuellen anarchistischen Diskurs Schwächen gegenüber dem Neoliberalismus. Die Parole »Tu, was du willst«, wie ein anarchistischer Sammelband von 1980 noch betitelt war, hat heute eine andere Bedeutung. Die neoliberale Leisure-City bietet die hedonistischen Freiräume, für die bis in die 1990er hinein beispielsweise in Berlin noch gekämpft wurde. Längst ist es ein Allgemeinplatz, dass die dezentralen Alternativstrukturen der 1980er die deregulierte, selbstständige Arbeitsorganisierung des Neoliberalismus vorweggenommen haben. Und die Hausbesetzerbewegung nahm - wenn auch unfreiwillig - eine Pionierrolle beim postfordistischen Stadtumbau ein.

Eine kritische Herrschaftsanalyse muss heute berücksichtigen, dass Regierung nicht nur von oben auferlegt, sondern als partizipative Funktion organisiert wird. Hier widerspricht Lubin auch dem derzeit wohl bekanntesten Anarchisten und Bestsellerautor David Graeber, der in seinem Buch »Schulden« ganz im Sinne des traditionellen Anarchismus Herrschaft durch einen »riesigen Apparat von Armeen, Gefängnissen, Polizeieinheiten« und eine »ständige Atmosphäre der Furcht« abgesichert sieht. Lubin will vielmehr vielschichtige Faktoren politischer Macht und Ausgrenzung analysieren, egal ob es ökonomische, geschlechterspezifische oder rassistische Ungleichheiten sind. Denn nur eine zeitgemäße Herrschaftskritik eröffnet eine anarchistische Perspektive.

Oskar Lubin: »Triple A - Anarchismus, Aktivismus, Allianzen«, Edition Assemblage, 92 S., 9,80 Euro

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