»Geringschätzung für die Opfer«

Fabrikunglücke in Bangladesch: Textilkonzerne drücken sich um Entschädigungen

  • Von Marc Engelhardt, Genf
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Entschädigungsverhandlungen für die Opfer zweier Unglücke mit Hunderten Toten in Bangladeschs Textilindustrie sind ohne große Ergebnisse vertagt worden. Gewerkschafter und Menschenrechtler wollen den Druck auf westliche Modefirmen erhöhen, die von prekären Arbeitsbedingungen profitieren.

Nach fast zwei Tagen am Verhandlungstisch platzte Kamrul Anam der Kragen. Der bengalische Gewerkschafter, der extra zu dem Treffen unter Moderation der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) nach Genf gereist war, machte seiner Wut Luft. »Zu Hause warten auf mich diejenigen, die im Rana Plaza und bei Tazreen Gliedmaßen verloren haben, die aus Geldnot aus ihren Häusern geworfen zu werden drohen oder sich keine Medizin leisten können - denen einfach zu sagen, dass wir hier nichts zustande gebracht haben, ist zu wenig.« Die Opfer, von denen Anam spricht, haben zwei der schlimmsten Industrieunfälle Bangladeschs überlebt - oder sind Angehörige derjenigen, die unter den Trümmern des Rana Plazas oder im Feuer bei Tazreen Fashion ihr Leben gelassen haben. Die von ihnen unter prekären Bedingungen in den Billigtextilfabriken Bangladeschs gefertigten Kleidungsstücke werden an Modekonzerne verkauft - die meisten davon sitzen in Europa und den USA.

Der globale Gewerkschaftsverband IndustriALL hatte Modefirmen und Gewerkschafter am Mittwoch und Donnerstag nach Genf geladen, um über Entschädigungen zu verhandeln. IndustriALL-Vizechefin Monika Kemperle beruft sich auf eine fast fünfzig Jahre alte ILO-Konvention. Demnach stünden den Hinterbliebenen der mehr als 1200 Toten und den über 2500 Verletzten insgesamt 58 Millionen Euro zu. 45 Prozent sollen die Modeunternehmen tragen.

Doch von 29 geladenen Firmen kamen nur elf überhaupt nach Genf, kritisiert Kemperle. »Die Geringschätzung der nicht anwesenden Firmen für das Leid der Opfer ist in höchstem Maß schockierend.« Mit leeren Versprechungen und Lügen versuche ein Großteil der Modebranche, sich um Zahlungen zu drücken, die nur einen Bruchteil ihres Umsatzes ausmachten. Aus Deutschland waren der Modediscounter KiK und Karl Rieker nach Genf gekommen. Die Adler Modemärkte, NKD, Güldenpfennig und die Kids Fashion Group fehlten ebenso wie C&A, Benetton, Mango und Inditex (Zara). Auch die US-Kette Walmart, einer der größten Einkäufer in Bangladesch, war nicht vertreten.

Die Anwesenden einigten sich auf wenige Eckpunkte: die Einrichtung eines Hilfsfonds etwa, für den die britische Firma Primark die Infrastruktur zur Verfügung stellen will. Primark stellte als einzige Firma zudem konkrete Entschädigungen in Aussicht. Trotzdem ist IndustriALL-Sprecher Tom Grinter vorsichtig optimistisch. »Die Unternehmen wollen in den kommenden Wochen erst einmal unter sich sprechen, um eine gemeinsame Position zu finden. Sie wissen, dass sie sich einigen müssen, weil die Entschädigungen nicht nur von einigen wenigen aufgebracht werden können.«

Frauke Banse von der Kampagne für Saubere Kleidung, die in Genf als Beobachterin dabei war, kündigte am Freitag an, den Druck auf die Modefirmen zu erhöhen. »Wir werden gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di, die in den Betriebsräten etwa von Adler und Inditex sehr gut aufgestellt ist, den Druck erhöhen«, so Banse. Neben einer Internetkampagne sollen Opfer und Hinterbliebene der Unglücke zudem öffentlich auf ihr Schicksal aufmerksam machen - stellvertretend für andere. »Verheerende Unglücke in Textilunternehmen in Bangladesch häufen sich, der Run auf die billigsten Lieferanten mit den schlechtesten Arbeitsbedingungen hinterlässt seine Spuren.«

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