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  • Politik
  • »Gammleraufstand« in Leipzig: Was geschah am 31 Oktober 1965?

Genossen liebten kein yeah, yeah, yeah

Von Christine Wagner

Eigentlich hätten die rebellierenden Jungs aus Liverpool die Verbündeten der DDR im Kampf gegen den bösen Kapitalismus sein können. Doch warum nur trugen sie so lange Haare und machten mit ihren Gitarren so einen schrecklichen Lärm. Zumindest in den Ohren der älteren Genossen klang das «yeah, yeah, yeah» so. Und so setzten die ihr Bedürfnis nach Internationalismus außer Kraft und verteufelten die Beatmusik als «Texasideologie und Rangertum». Als dann noch die Fans der Rolling Stones im September 1965 die Westberliner Waldbühne in Kleinholz zerlegten, fühlten sie sich persönlich angegriffen vom Klassenfeind.

Noch zwei Jahre zuvor hatte ein Jugendkommunique des Politbüros der SED die Entwicklung hiesiger Bands unter stützt. Statt autoritär wie in den 50er Jahren bemühte man sich, der Jugend nun kameradschaftlich auf die Schultern zu klopfen. Die «Junge Welt» startete gar einen Aufruf an die Bands: «Orientiert euch in eurer schöpferischen Arbeit an der Intonation unseres deutschen Volksliedgutes», mahnte der Zentralrat der FDJ, «auf die wertvollen, konzertanten Traditionen unserer eigenen Tanzmusik.»

Es half nichts: Die Mehrheit der Jugendlichen blieb unpolitisch. Ihre Bands trugen englische Namen und ahmten die Musik nach, die sie illegal auf Radio Luxemburg oder Rias hörten. Ein Artikel in der Leipziger Volkszeitung vom 20. Oktober 1965 spitzte den Generationskonflikt zu. Unter der Überschrift «Dem Missbrauch der Jugend keinen Raum» schimpfte die gut getarnte SED-Bezirksleitung hier auf die Bands und ihre Fans, «die ihre Ideale in einer höchst zweifelhaft amerikanischen Lebensweise erblicken, sie anbeten und nachäffen. Die langen zottligen Haare, die sie sich als äußere Kennzeichen ihrer Geisteshaltung zulegen, engen ihren Horizont dermaßen ein, dass sie nicht sehen, wie abnorm, ungesund und unmenschlich ihr Gebaren ist». Fehlende Schulabschlüsse, Arbeitsbummelei, unzureichende Notenkenntnis und Steuerhinterziehung wurden den Musikern zur Last gelegt.

Der Artikel bereitete ein fast flächendeckendes Verbot der Leipziger Szene vor. Klaus Jentzsch, Chef der «Butlers», erhielt bereits einen Tag nach Erscheinen des Artikels ein unbefristetes Spielverbot: «Während Tausende junge Menschen unserer Stadt in der Volkskunstbewegung Freude, Erholung und ästhetische Befriedigung suchen und finden, müssen wir feststellen, dass Ihre Gitarrengruppe der sozialistischen Laienkunstbewegung Schaden zufügt. Das Auftreten der Kapelle steht im Widerspruch zu unseren moralischen und ästhetischen Prinzipien.» Die restlichen Bands mussten zum Vorspiel. Nur vier von 58 bekamen die Spielerlaubnis verlängert. Eine Gruppe von Ober schülern verbrannte in der Schulpause öffentlich den Artikel. Am 25. Oktober tauchten in der Innenstadt erstmals Flugblätter auf, die zur Demonstration aufriefen. Am 31. Oktober versammelten sich bis in den Nachmittag hinein 2500 Menschen. Neben rund 800 echten Beatniks FDJ-Funktionäre, Genossen und andere «Sicherheitskräfte». «Nieder mit dem Polizeiterror, wir wollen nur noch Beatles» stand an Wänden und Mauern. Die Bereit - schaftspolizei verhaftete 267 Jugendliche. 97 von ihnen landeten ohne Gerichtsver handlung im Tagebau zur Zwangsarbeit.

Was geschah an diesem Tag? Wolfram K., damals 17 Jahre alt und Lehrling an der Makarenko-Schule, erzählt mir, dass er erst durch einen unbekannten Mann, der plötzlich im Unterricht auftauchte, neugierig geworden war. Der strenge Herr warnte: Wer am Sonntag in der Innenstadt aufgegriffen werde, könne seine sieben Sachen packen - ohne Lehrabschluss. Doch als Wolfram K. s Kumpel dann an der Tür stand und berichtete, dass in der Stadt « ne Menge los» sei, zog er mit ihm hin.

Die aus Lindenau kommenden Jungs sahen die ersten Polizisten am Brühl. Einige betraten die Straßenbahn und baten alle auffällig aussehenden Jugendlichen auszusteigen. Sie liefen bis zum Hauptbahnhof, stiegen in die Linie 28 und entdeckten auf dem Rossplatz die «ersten Polizisten mit Hund ohne Maulkorb». Auf dem Leuschnerplatz standen die Jugendlichen. «Ein Lautsprecherwagen kam und forderte: >Bitte verlassen Sie den Leuschnerplatz,<. Und dann fuhr ein offener Wagen voller Polizei mit Gummiknüppeln vor ^ die sogenannte Zugreiftruppe. Die luden wahllos jene auf, die eine besonders lange Matte hatten.»

Doch die Jugendlichen, die nichts organisiert hatten, blieben. «Die fünfte Bereitschaft, zuständig für innere Unruhen, der ich später als Wehrpflichtiger angehörte, war komplett mit allen fünf Kompanien präsent.» Sie fuhr Richtung Tröndlinring, ihr voran zwei Wasserwerfer. «Denen hatten sie noch die 21. Bereitschaft zur Verfügung gestellt - die Ministerreserve. Wir dachten uns noch nichts. Dann schlössen sich die so genannten Schützenketten an. Für uns das Signal, Richtung Innenstadt zu türmen.» K. und sein Freund liefen zum Markt. «Es wurde dramatischer. Der Wasserwerfer kam am Rathaus vorgefahren. Einige Jugendliche wurden mit Ketten geknebelt.» In der Hainstraße sah K. eine Schützenkette von Wehrpflichtigen mit aufgesetztem Bajonett. In der Fleischergasse standen Mannschaftswagen. «Darauf wurden Jugendliche geladen. Wer das Trittbrett nicht sofort fand, wurde gestoßen und auf die anderen draufgeschmissen.»

K. entkam. Am Montag fehlten vier Schüler. Später erfuhr er ihre Geschichte. «Die hatte man in die D(imitroffstraße gebracht. Sie mussten in Gängen stehen, Arme hoch wie Schwerverbrecher. Wer nicht das richtige Alibi hatte, kam in die Volkswirtschaft - nach Regis und Borna in den Tagebau.» Keiner der Jugendlichen erstattete Anzeige, obwohl sie, mitten im Oktober, größtenteils in Halbschuhen und Festtagsklamotten arbeiteten. Gegen wen auch hätten sie sich wenden können. Nicht mal die eigenen Eltern standen ihnen bei. Dabei sollten es die Kinder im Sozialismus doch einmal besser haben.

Die Büchner-Preis-Rede Volker Brauns wird am Samstag im ND dokumentiert.

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