Blühende Landschaften?

Im Kino: »Mitgift« von Roland Blum

Der westdeutsche Filmemacher Roland Blum kam 1990 nach Güstrow, um Ernst Barlachs »Schwebenden Engel« zu sehen. Aber bald sah er nur noch andere Dinge: »Bilder eines verschlissenen Landes«. Auf dieses Maß an Umweltzerstörung sei er nicht vorbereitet gewesen.

Wer Monika Marons »Flugasche« gelesen hat, weiß, dass die schmutzige Großindustrie, mit all ihren nicht beherrschbaren Folgen, in den Medien der DDR bis zur Wende ein Tabu war. Blum, der Öko-Aktivist, beginnt nun 1990 das mit der Kamera zu dokumentieren, was in Bitterfeld und andernorts diese Art zu produzieren aus der Landschaft gemacht hat: eine Halde mit Sondermüll. Allein über die Filmfabrik Wolfen und Schwermetalle könnte man ganze Filme drehen - und die Bilder von der dicken giftigen Brühe, die hier waberte, erschrecken immer noch.

Mit dem drohenden ökonomischen Zusammenbruch der DDR wurden ökologische Bedenken einerseits immer mehr beiseitegewischt. Aber es wuchs anderseits auch, besonders nach Tschernobyl, angesichts einer Luft, die man nicht nur in Bitterfeld und Leipzig kaum mehr atmen konnte, in der DDR-Bevölkerung die Sorge. Wie gefährlich ist es, gegen unsere eigene Natur zu leben? Blum holte schon 1990 Menschen wie den Bodenkundler Michael Succow (Spezialgebiet Moore) vor die Kamera. Von 1986 bis 1990 hatte dieser bereits als Abgeordneter der Volkskammer Verantwortung getragen, worüber Blum aber nicht spricht. Dem stellvertretenden Umweltminister der Regierung Modrow, Vater des Biosphärenreservats Schorfheide, ist es vor allem zu danken, dass eine der letzten Maßnahmen der DDR-Volkskammer der Beschluss über eine große Zahl von Naturschutzgebieten war.

Der Filmtitel ist also in all seiner Doppeldeutigkeit zu verstehen. Mitgift ist etwas von Wert, das man mitbekommt. Und wer will bestreiten, dass es - im Unterschied zur Zersiedlung West (auch eine Form der Landschaftszerstörung) - im Osten noch fast unberührte Natur gab? Aber es ist auch noch anders gemeint: Mit Gift. Diese Tatsache, die wahrlich längst bekannt ist, zelebriert nun Blum geradezu.

An den Schnittstellen von Gestern und Heute zeigt sich das Ungenügen des Films. Kein Wort über die komplizierten geschichtlichen Zusammenhänge, über die Grenzen des Ökologischen in schwerindustriellen Zusammenhängen - gleich ob in Ost oder West. Westdeutschland hatte Ende der achtziger Jahre seine Phase der bedenkenlosen Umweltvergiftung bereits hinter sich lassen können, das Wasser des Rheins war dabei, wieder sauberer zu werden, wie später dann auch das der Elbe. Dass dies letztlich ein Ausdruck von Wirtschaftskraft und daraus resultierendem Reichtum ist, sollte man fairerweise nicht verschweigen. Blum aber ist alles andere als unparteiisch, das zeigt der Gestus von »Mitgift«. Er zeigt Bilder von Menschen auf Müllkippen nach der Wende und kommentiert: »Solche Bilder sah ich zuletzt in Afrika«. Was will uns der Filmemacher damit sagen?

Blum wirbt für das, was er für sich als richtig erkannt hat. So steht dann der in seinen Augen ideale Bürger vor uns: als Ökobauer. Dass der Gestus, in dem er davon erzählt, fatal an die aus der DDR altbekannte Agitation erinnert, scheint ihm jedoch nicht aufgefallen zu sein.

»Mitgift« versteht sich als Langzeitdokumentation. Tatsächlich drehte Blum 1990 in der Endphase der DDR, dann 2000 und 2013 noch einmal. Grundtenor: Jetzt kommen die blühenden Landschaften. Die soziale Situation der Menschen (allein in Wolfen verloren 15 000 Menschen ihre Arbeit) interessiert ihn dabei nur am Rande. Dabei wären genau diese Übergänge in den Biografien interessant gewesen. Nein, mehr als ein rechthaberischer Fingerzeig in dem Stil, früher sei hier alles schmutzig und giftig gewesen, jetzt sei endlich alles wieder sauber und gesund, ist aus »Mitgift« nicht geworden. Was zeigt, dass die ökologische Brille allein die Geschichte keineswegs schärfer sehen lässt. Und das betrifft nicht nur die Vergangenheit.

So wirkt dieser sechsundneunzigminütige Film eher wie aus Schnipseln vormaliger Magazin-Beiträge für »Kennzeichen D« zusammengesetzt denn als problembezogener Dokumentarfilm, der heute ins Kino gehört. Sollte man nicht, um glaubwürdig zu bleiben, anstatt allein den Aufbau der Dresdner Frauenkirche zu loben, auch die Feldschlösschenbrücke erwähnen, deren Bau dazu führte, dass Dresden kürzlich von der UNESCO-Welterbe-Liste gestrichen wurde? Und auch über die Versuche, immer mehr Naturschutzgebiete in Bauland umzuwandeln, sollte man nicht schweigen. Denn die Konfrontation von schwächelnder Demokratie mit Kapitalinteressen ist, das müsste sich auch zum Filmautor Roland Blum herumgesprochen haben, alles andere als eine Garantie für eine gesunde Umwelt.

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