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Spitzenduo in leichter Schieflage

Sachsen-Grüne wählen Liste

  • Hendrik Lasch, Chemnitz
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Nachhinein klingen die Sätze fast ahnungsvoll. »Ich bin manchmal etwas hart im Umgang«, sagt Antje Hermenau. Die scharfzüngige Fraktionschefin der Grünen in Sachsen weiß, dass das Folgen für ihre Bewerbung als erneute Spitzenkandidatin für die Landtagswahl Ende August haben könnte. In ihrer Bewerbung vor 126 Delegierten des Listenparteitags gibt sie zu: »Ich weiß, ich bin nicht jedermanns Geschmack.«

Der Anteil jener, deren Gusto die 49-jährige Vollblutpolitikerin nicht ganz trifft, ist genau zu beziffern. 31 Parteifreunde verweigern ihr die Unterstützung; knapp 62 Prozent wählen sie auf Listenplatz 1 - ein Dämpfer für Hermenau. Er hätte auch als Stolperstart für die Partei in den Wahlkampf wirken können, wenn diese sich nicht entschieden hätte, 2014 mit einem Spitzenduo anzutreten. Als Zweiter im Bunde erhält Landesparteichef Volkmar Zschocke veritable 87,7 Prozent Rückhalt.

Über Gründe für das ungleiche Votum lässt sich spekulieren. Etliche Parteifreunde sind unglücklich über Hermenaus politisches Anbandeln mit dem scheidenden CDU-Fraktionschef Steffen Flath, das im Lobpreis für Schwarz-Grün als »Koalition für Fortgeschrittene« gipfelte. Auch die Debatte um eine Schuldenbremse in der Verfassung, von Hermenau energisch befürwortet, ging nicht ohne Blessuren an der Partei vorüber.

Den Umstand, dass die »Zeit der Solotänzer vorbei ist«, wie es Hermenau beschreibt, will die Partei indes zum taktischen Vorteil ummünzen. Es ist kein Geheimnis, dass mit der Doppelspitze unterschiedliche Gruppen von Wählern angesprochen werden sollen. Anders als Hermenau, lässt Zschocke keinerlei Faible für Schwarz-Grün erkennen. Zwar habe sich die Partei auf eine Strategie geeinigt, der zufolge man nach der Wahl mit allen Parteien von CDU bis LINKE reden würde. Jedoch sei der CDU die Fähigkeit zu »Politik auf Augenhöhe« in 24 Regierungsjahren verloren gegangen, sagt Zschocke. Die Idee, diese »Staatspartei« abwählen zu können, werde »viele Kräfte im Land freisetzen«.

Ob sich diese bewusste Absage an jegliche »Ausschließeritis« tatsächlich als das »starke politische Kung Fu« erweist, das Hermenau darin sieht, oder ob der Kurs eher Wähler mit Hang zu Rot-Rot-Grün verprellt, muss sich erweisen. Einer aktuellen Umfrage zufolge liegen die Grünen bei fünf Prozent. Zschocke sorgt sich aber nicht um den Wiedereinzug: »Wir werden in Sachsen dringend gebraucht.«

Behält er Recht, wären die Grünen zum dritten Mal in Folge im Landtag - mit einer runderneuerten Fraktion. Der Innenpolitiker Johannes Lichdi warf im Streit um Schwarz-Grün hin; andere Abgeordnete schieden freiwillig aus, etliche scheiterten am Samstag bei Kampfkandidaturen. Auf der Liste folgen auf das Spitzenduo die Co-Parteichefin Claudia Maicher, der Umweltanwalt Wolfram Günther, die Verkehrsexpertin Eva Jähnigen, der junge Innenpolitiker Valentin Lippmann, die Chemnitzer Sozialpolitikerin Petra Zais sowie Gerd Lippold aus der Kohleregion bei Leipzig. Neben Hermenau hat nur Jähnigen - mit 89,66 Prozent gewählt - Erfahrung im Landtag.

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