Ukrainisches Fieber an der Weichsel

Die einen schüren antirussische Emotionen, andere mahnen zur Zurückhaltung

  • Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.
Polens Politiker hatten in den vergangenen Jahren die Rolle von Paten einer ukrainischen Annäherung an die EU übernommen. Welche Schlüsse ziehen sie aus der Zuspitzung der Lage beim Nachbarn?

Genau zum 15. Jahrestag der NATO-Zugehörigkeit Polens sollen am Mittwoch zwölf Kampfjets aus den USA die mit 48 Maschinen des Typs F-16 ausgestattete polnische Luftwaffe verstärken. Überdies wird eine vom Militärbündnis entsandte AWACS-Maschine im polnischen Luftraum patrouillieren.

Können sich Polens Bürger also in Sicherheit wähnen? Sind solche Nachrichten imstande, die seit vielen Wochen in der hiesigen Luft hängende Mischung von Euphorie und Hysterie aufzulösen, die sowohl die offizielle Politik als auch die bürgerlichen Medien beherrscht?

Danach sieht es derzeit nicht aus. Die Maidan-Reporter aller Fernsehstationen sehen sich nämlich, jetzt etwas weiter südöstlich, als Berichterstatter an der Krimfront. Und im bevorstehenden Referendum auf der Halbinsel droht eine Mehrheit zugunsten des Beitritts zu Russland.

Da mutet manches, was in der polnischen Politik derzeit geschieht, etwas bizarr an. Beispielsweise schlug ein Sprecher der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) vor, seinen Parteichef Jaroslaw Kaczynski zum Chef einer Regierung der »Nationalen Einheit« zu berufen. Das erinnert an die Lage im Jahr 1920, als die »Horden« des sowjetischen Heerführers Michail Tuchatschewski vor den Toren Warschaus standen und unter einer »Einheitsregierung« abgewehrt wurden, an deren Spitze der Bauernführer Wincenty Witos stand.

Besagter Jarosław Kaczynski hielt die Lage für so ernst, dass er erstmals eine Einladung zum »nationalen Gespräch« mit Staatspräsident Bronislaw Komorowski und Premier Donald Tusk annahm. Das Staatsoberhaupt selbst und der Regierungschef wirkten indes beruhigend: Eine Gefahr für Polen drohe nicht, wohl aber sei die Stabilität der europäischen Ordnung durch Wladimir Putins Aggressionsgelüste gefährdet.

Boulevardblätter wie »Fakt« stellten dennoch die besorgte Frage, ob Polen womöglich Putins nächstes Ziel sein könnte. Darüber machte sich das satirische Wochenblatt »NIE« lustig: Die Redaktion habe sich bereits darauf vorbereitet und einen großen Topf, Graupen, einen Spaten und sogar Gasmasken erstanden. Immerhin schrieb auch der sonst besonnene Chefredakteur der seriösen »Polityka«, Jerzy Baczynski, in einem Kommentar unter dem Titel »Wir alle sind Ukrainer« über den »Beginn eines gemeinsamen Weges«.

Der ehemalige Staatspräsident Aleksander Kwasniewski, der sich vorher so intensiv für die Freilassung der kranken Julian Timoschenko eingesetzt hatte, sagte am Montag in einer Talkshow bei TVP, Putin gehe es gar nicht um die Krim, sondern um die ganze Ukraine. Indem er das Nachbarland von der EU fernhalten wolle, strebe er dessen »fiktive Neutralität« an. Dazu hieß es in der Wochenschrift »Przeglad«, das ukrainische Fieber bezeuge den westlichen Kurs, die antirussischen Emotionen des Maidan zu schüren. Man müsse sich aber auch in die Lage der russischen Krimbewohner versetzen. Im Übrigen werde den US-Amerikanern weltweit alles gestattet, was sie wollen.

Jan Widacki, Kolumnist des gleichen linken Wochenmagazins, stellte seinen Text unter die Frage »Sterben für Sewastopol?« und schrieb: »Das Ringen Polens mit Russland um die Ukraine endete in den letzten 300 Jahren immer gleich - für uns mit einer Tragödie, für die Ukraine mit einer Teilung. Wollen wir jetzt die Europäische Union an die Stelle Polens setzen? Das Finale wird genau dasselbe sein. Geht es uns darum?«

Eine vernünftige Stimme war selbst aus dem rechtskatholischen »Nasz Dziennik« zu vernehmen: »Die Welt wird nicht gegen Russland in den Krieg ziehen.«

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal