Der Karl Lagerfeld von Aschersleben

Ex-Banker Ralf Springer kleidet seit 30 Jahren die Damenwelt ein

In Zeiten des Mangels gebrach es Ralf Springer an einem auf keinen Fall: an Kundschaft. An einem Vormittag wie diesem hätten sich vor seinem Modegeschäft in der Breiten Straße in Aschersleben die ersten Kundinnen eingefunden. Sie mussten viel Geduld mitbringen: Die Tür zu dem Laden mit den beiden auffälligen Kronleuchtern wurde erst 15 Uhr aufgeschlossen. Sie blieb, wie an lediglich zwei weiteren Nachmittagen pro Woche, für drei Stunden geöffnet. Oft schien freilich schon das zu lange: Die Kleider und Blusen, Hosen und Jacken waren im Nu ausverkauft. Dann zeichnete Springer neue Entwürfe; er fuhr los, um Stoffe zu ergattern; und mit seinen drei Näherinnen arbeitete er bis tief in die Nächte, um den Laden erneut zu füllen.

In den heutigen Zeiten des Überflusses hat Ralf Springer vor allem eines: Zeit. Zwar sind auch an diesem Werktag viele Menschen in der Innenstadt von Aschersleben unterwegs. Manche hasten in Richtung Rathaus, andere schlendern scheinbar ziellos durch die Gassen. Die laden zum Bummel durchaus ein: In Sachsen-Anhalts ältester Stadt gibt es nicht nur elegante Gärten, die von einer Landesgartenschau blieben, sowie ehemalige Fabrikantenvillen und einen grünen Pfad entlang der alten Stadtmauer. Es gibt auch viele schick sanierte Häuser in Fachwerk oder Stuck, die meisten mit Läden im Erdgeschoss: Drogerien und Buchhandlungen, Fleischereien, Fotostudios - und Modegeschäfte. Das von Ralf Springer sticht heraus: Sein Schaufenster, in dem zartgrüne Farben und Frühblüher schon einen Hauch von Frühling verbreiten, ist auch in dieser Saison wieder preisgekrönt.

Die Kundschaft lässt dennoch auf sich warten. Immerhin findet Springer so Zeit, um ungestört erzählen zu können, wie er vor nunmehr 30 Jahren seine Berufslaufbahn in einer Bank auf den Kleiderbügel hängte und gewissermaßen zum »Karl Lagerfeld von Aschersleben« wurde. Es ist ein Etikett, dass sich Springer selbst sicherlich nicht ans Revers heften würde; es ist aber auch nicht allzu weit hergeholt. Schließlich entwarf und nähte der damals 41-Jährige Kollektionen, die die Herzen modebewusster Damen in der DDR-Provinz höher schlagen ließen. Ein frühes Modell, das er aus Anlass des Geschäftsjubiläums derzeit zusammen mit Fotos, Urkunden und Artikeln im Laden ausstellt, zeigt seinen damaligen Stil: eine schwarze Samtweste, die mit goldenem Garn abgesteppt ist; ein fliederfarbenes Kleid, dessen Blickfang ein mittelalterlich anmutendes Motiv aus in Budapest ergattertem Möbelbezugsstoff darstellt. Solch ungewohnte Kombinationen ließen das Angebot in den Exquisit-Läden der Kreisstadt fad aussehen.

Mit dem berühmten Modedesigner verbindet Springer auch sein augenscheinliches Faible für eine gewisse modische Extravaganz. Zum Gespräch empfängt er in einem feschen Sakko, das Stoffarten kühn kombiniert und das er zu einer Jeans mit auffälligen Steppnähten trägt, die er lässig in ein Paar Reitstiefel gesteckt hat. Es sind Kleidungsstücke, in die sich wohl nur wenige 71-Jährige hüllen würden - und mit denen Springer in seinem ersten Berufsleben vermutlich Stirnrunzeln geerntet hätte. Es war eine Karriere, die eher mit grauen Anzügen verbunden ist: Der Umsiedlersohn war nach der Lehre im Lebensmittelhandel in das Bankwesen gewechselt; er arbeitete bei der Deutschen Notenbank und der Staatsbank der DDR und vergab Kredite an große Kombinatsbetriebe. Mit knapp 40 freilich befielen ihn Zweifel: »Vor mir lagen noch 25 Jahre in einer Bank«, sagt er: »Das war nicht das, was mich befriedigte.«

Springer sattelte um - was leichter gesagt als getan war. Zwar hatte er seit ihrer Hochzeit in den 60er Jahren schon Kleider für seine Frau genäht, »mit der Hand«, wie er betont. Es zahlte sich aus, dass die Großmutter, eine in Wien ausgebildete Maßschneiderin, den Enkel mitnahm, als sie nach dem Krieg in den Dörfern um Aschersleben für Bauern nähte und ausbesserte. Zudem verfügte Springer über eine natürliche Begabung: Als die Zeitung »Junge Welt« unter der Überschrift »Schlichte Form und Pünktchen« anlässlich des Pressefests 1964 um Entwürfe für Damenkleider bat, beteiligte er sich - und kam mit zwei Ideen unter die besten zehn. Um freilich das Geschäft eröffnen zu können, musste er eine ordentliche Lehre absolvieren; er musste vor den gestrengen Augen des Obermeisters bestehen; und vor allem brauchte er eine Genehmigung vom Rat des Kreises. Dort vermied es der Noch-Bankangestellte, an die Männer unter den Funktionären zu geraten: »Die hätten mich für verrückt erklärt.« Frauen wie die Leiterin der Abteilung Handel und Versorgung indes waren von der Aussicht auf eine neue Modeboutique in der Kreisstadt »hellauf begeistert«. Springer durfte eröffnen.

Drei Jahrzehnte später gibt es das Geschäft noch immer: deutlich größer als einst, geöffnet an sechs Tagen statt an drei Nachmittagen, versehen mit Sitzecke und einem eleganten Sofa, auf dem der Inhaber die Ehemänner platziert und in lockere Gespräche verwickelt, während ihre Gattinen sich in die Umkleidekabine zurückziehen. Es ist dies - neben aufwändig dekorierten Schaufenstern, die erste Neugier bei den Kundinnen wecken - einer der Tricks, die erklären, warum das Modehaus Springer die Zeitläufte überdauert hat: Sind die Ehemänner entspannt, ermutigen sie ihre Frauen zum Kauf, statt die Hand fest über die Geldbörse zu halten. Seinen Kundinnen bietet Springer an, Kleider kostenlos anzupassen; er berät, plaudert und scherzt; und er verkauft nur Kleidungsstücke, deren Nähte und Säume nicht nach der ersten Wäsche schon ausleiern: »Schließlich soll nicht die Ware zurückkommen, sondern die Kundin.«

Allerdings hat sich Springer nach dem Wechsel von der Mangel- in die Überflussgesellschaft davon verabschieden müssen, seine Kleider selbst zu entwerfen und zu nähen - weshalb das Etikett »Lagerfeld von Aschersleben« nicht mehr ganz zutrifft. Eigene Kollektionen wären allerdings schlicht unbezahlbar, sagt Springer - dessen Geschäft auch so keineswegs zu den Billigheimern zählt: Er vertreibt Modelle bekannter Modedesignerinnen, von denen einige am Modeinstitut der DDR gearbeitet haben; auf vielen Etiketten, die an den teils extravaganten Stücken hängen, stehen mittlere dreistellige Preise. Käuferinnen dafür finde er auch in der Kleinstadt, sagt Springer; übermäßig viele aber sind es nicht. »Jeder will zwar viel Geld haben«, sagt er, »aber viel ausgeben möchte er nicht.« Der Wert einer Ware werde selten anerkannt, hat der Einzelhändler feststellen müssen - bei Mode und Textilien womöglich am seltensten: »Die Arbeit von Schneidern gehört zu den am schlechtesten bezahlten überhaupt«, sagt er.

Womöglich ist ein Geschäft für gediegene Kleidung, wie es Springer betreibt, denn auch nicht mehr zeitgemäß. Statt Kleider sorgfältig in einem Laden auszuwählen und mit dem Inhaber die jüngsten Neuigkeiten aus dem Stadtleben auszutauschen, bestellen viele Kundinnen heute flugs und nebenbei im Internet, empfangen die Ware mit einem, wie die Werbung suggeriert, freudigen Schrei im Hausflur - und schicken sie dann zurück, weil Schnitt oder Farbe nicht ganz überzeugen. Familien fahren, statt in der Innenstadt von Laden zu Laden zu bummeln, am Wochenende in eine der so genannten Einkaufs-Erlebniswelten. Händler wie Ralf Springer, die für bunte Schaufenster in der Innenstadt sorgen, haben das Nachsehen. Während sich Karl Lagerfeld in Boutiquen von Paris und Mailand vermutlich eine goldene Nase verdient, wirft sein Geschäft in der sachsen-anhaltischen Provinz gerade so viel ab, dass der Inhaber neben der Ladenmiete und seiner Krankenversicherung noch die eigene Wohnung bezahlen kann.

Trotzdem hält Springer durch - noch. »Ich verkaufe liebend gern«, sagt der 71-Jährige: »Das Geschäft ist mein zweites Zuhause.« In absehbarer Zeit wird er den Laden dennoch aufgeben. Eine Schneiderin, die seinen Kundinnen ihre Änderungswünsche erfüllt und die zunächst nur für ein Jahr bei ihm hatte arbeiten wollen, aber 14 Jahre im Laden blieb, ist 75; sie möchte sich zur Ruhe setzen. Springer wird das zum Anlass nehmen, um sein Geschäft nach gut 30 Jahren zu schließen.

Ihm selbst dürfte nicht langweilig werden: Schon jetzt sitzt er wieder regelmäßig an der Nähmaschine; gerade stecken aufwendige Barockkostüme auf der Schneiderpuppe, die er und seine Frau zum Karneval tragen wollen. Vielleicht, sagt Springer, werde er wieder mehr nähen; vielleicht widmet er sich einer anderen seiner kreativen Leidenschaften, die von der Keramik bis zur Schauspielerei reichen. Die Zukunft des Geschäfts sieht weniger rosig aus. Er glaube nicht, dass es einen Nachfolger geben werde, sagt Springer. Schon jetzt häufen sich in der Breiten Straße von Aschersleben die leeren Schaufenster, je weiter man den Markt hinter sich lässt. In absehbarer Zeit dürften zwei weitere hinzukommen. In Zeiten des Überflusses öffnete sich die dazugehörende Ladentür einfach zu selten.

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