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Russophobie reloaded?: Wir und Krieg und Frieden

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.
Die LiMA-Eröffnung steht ganz im Zeichen der aktuellen Entwicklung in der Ukraine. Historiker Wolfgang Wippermann sieht dabei den größten Teil der deutschen Berichterstattung von »russophoben Ideologien« geleitet. Dabei sollten sie den Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien.

Als vor einem Jahr das Thema für die LiMA 2014 erarbeitet wurde und mit dem etwas abstrakten Titel »Walls and Bridges« benannt wurde, war ein Krieg bereits im Blick. 2014 ist das Gedenkjahr zum 100-jährigen Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Publikationen überrollen den Markt und mit Christopher Clarks »Schlafwandler« taucht sogar eine längst überwundene Kriegsschulddebatte in vielen Medien auf.

»Walls and Brigdes« – das soll in den Worten von Michael Maercks aus dem LiMA-Vorstand während der Eröffnungsveranstaltung zu grenzübergreifendem Denken, der Überwindung des Denkens in nationalstaatlichen Kategorien und um Visionen für eine andere Gesellschaft zu entwickeln.

Die Frage von Krieg und Frieden steht in Europa durch die aktuellen Entwicklungen auf der Krim und in der Ukraine wieder ganz oben auf der Agenda. Die Fragen von Grenzen und Ethnien sind plötzlich wieder akut, Hoeneß und Edathy verschwinden wieder »unter den Strich« im Print beziehungsweise fallen online aus den Topmeldungen. Gleichzeitig tauchen alte Feindbilder und mediale Grenzziehungen auf, die an Propaganda aus der finstersten Zeit des Kalten Krieges erinnern: So macht die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« in ihrer Ausgabe vom 16.03. mit einem Titel auf, der an ein CDU-Wahlplakat aus den 1950ern erinnert, »Alle Wege führen nach Moskau« liefert das Titelbild ungeschrieben mit. Ein Kommentar auf Spiegel Online heute Morgen titelt: »Dreht den Russen den Gashahn zu«.

Russophobie reloaded?

»Die Historiker machen die Geschichte, aber nicht aus freien Stücken, sondern geleitet von Ideologien und Feindbildern«, wandelt Wolfgang Wippermann, Historiker, ein Marx-Zitat zu Beginn seines Eröffnungsvortrages ab. »Und die Journalisten plappern das dann nach.«

Nicht alle, fügt er hinzu, schließlich würden in linken Medien wie dem »nd« auch über den Aufmarsch von ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS in Riga an diesem Wochenende oder der Regierungsbeteiligung von Faschisten in der Übergangsregierung in Kiew, durchaus berichtet. In der weit überwiegenden Darstellung der russischen Politik und vor allem der russischen Kriege im letzten Jahrhundert sieht Wippermann aber vor allem »Russophobie als Ideologie« am Werk.

»Russenfeindlichkeit« ist laut Wippermann seit dem 17. Jahrhundert virulent. Seitdem werde Russland mit den Attributen »barbarisch« und »nicht-europäisch« assoziiert, später kamen während der Südexpansion Russlands »aggressiv« und »panslawistisch« hinzu. Diese Ideologie war laut Wippermann nicht nur eine der Rechten, sondern auch der Linken in Europa. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen nach der Oktoberrevolution nach die Attribute »kommunistisch« oder in der Terminologie der deutschen Nationalsozialisten »jüdisch-bolschewistisch« hinzu, nach dem Zweiten Weltkrieg noch die Zuschreibung »totalitär«.

Unter dem Eindruck dieser Zuschreibungen würden die russischen Kriege laut Wippermann bis heute gedeutet, so würde aus dem Interventionskrieg der Westens nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ein »Russischer Bürgerkrieg«, selbst die These, dass der Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion 1941 ein »Präventivkrieg gegen russisches Expansionsstreben« gewesen sein soll, wurde in Teilen der Historikerzunft ernsthaft diskutiert.

»Alle westlichen Darstellungen dieser Kriege und Konflikte bis hin zum Konflikt um Abchasien 2008 und die Krim 2014, sind von russophoben Ideologien beeinflusst worden«, so Wippermanns These. Diese widersprächen der russischen Selbstwahrnehmung natürlich fundamental. »Diese Selbstwahrnehmung muss ja nicht die richtige sein: sie muss aber zumindest erkannt werden«, so Wippermann weiter. »Es ging dabei nicht immer nur um Wirtschaft, Geld und Macht, sondern auch um Ideologien. Diese ist eben nicht nur falsches Bewusstsein, sondern auch eine politisch-historische Kraft.« Vorurteile gegenüber Russland seien immer noch wirksam und beeinflussen die Darstellung dieser Konflikte bis heute, jene der Historiker und auch jene der Journalisten.

»Die Medien sollten nicht alles nachplappern, was ihnen Politiker und politisierende Historiker erzählen, sondern die Meinungen und Thesen der ‚eigenen Seite‘ infrage stellen und die der ‚Gegenseite‘ zumindest anhören«, lautet Wippermanns Aufforderung an die Medienschaffenden zum Ende seines Vortrags. »Die Medien können nicht nur, sie sollen sogar Geschichte machen. Aber nicht aus russophober Ideologie heraus. Sie sollten sich und uns aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien.« Und nicht in Kalter-Kriegs-Rhetorik »den Russen« den Gashahn zudrehen.

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