Ausbildung erhält höchste Priorität

Fachkräfteversorgung bleibt weiterhin dringendes Thema für Berliner Unternehmen

Unternehmerverbände sorgen sich vor mangelnder Infrastruktur und um ungenügend Nachwuchs und fordern Lösungsvorschläge von der Politik.

Berlin kann sich auch in diesem Jahr über eine positive wirtschaftliche Entwicklung freuen. Laut einer auf der Jahrespressekonferenz der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) vorgestellten Frühjahrskonjunkturprognose rechnen die Unternehmen mit einem bundesweiten Wirtschaftswachstum von etwa zwei Prozent, wobei es in Berlin etwas höher ausfallen könnte. Die Hauptstadt bleibe dabei Spitzenreiter im Wachstum und fungiere zunehmend auch als Lokomotive für für die Wirtschaftsentwicklung in Brandenburg, teilte der UVB am Dienstag mit. Derzeit gebe es 200 000 Pendler, die ihre Arbeitsstelle in Berlin haben. Allerdings ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Berlin immer noch zehn Prozentpunkte niedriger als im Bundesdurchschnitt.

Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der UVB, präsentierte zwei Schwerpunktthemen, welche für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum Berlins bearbeitet werden müssten. Zum einen bedürfe es von Seiten der Politik eine langfristige Wachstums- und Investitionsstrategie, um die notwendige Infrastruktur für die Unternehmen auszubauen und zu erhalten. Zum anderen müssten höhere Investitionen im Bildungsmarkt die zukünftige Fachkräfteversorgung sicher stellen.

Ziel müsse es sein, so Amsinck, »endlich den Teufelskreis zu durchbrechen, dass aufgrund fehlender Qualifikationen und durch Ausbildungsabbrüche jedes Jahr wieder Tausende junger Menschen in die Arbeitslosigkeit geraten«. Von Unternehmerseite wird dabei auch der von der Bundesregierung geplante Mindestlohn von 8,50 Euro kritisiert, da er Jugendliche davon abhalte, eine schlechter bezahlte Ausbildung anzufangen. Stattdessen fordert Amsinck, den gesetzlichen Mindestlohn erst ab 25 Jahren einzuführen: »Das durchschnittliche Alter bei Ausbildungsbeginn liegt in Berlin bei 21 Jahren. Bei einem gesetzlichen Mindestlohn liegt das Einkommen bei 1400 Euro im Monat, da können die Berliner Ausbildungstarife zwischen 500 und 950 Euro keinen Anreiz liefern, eine Ausbildung anzufangen.«

Christoph Schmitz, Pressesprecher des ver.di Bundesvorstands, wies das entschieden zurück. Aus verschiedenen Untersuchungen ergäben sich »keine Anzeichen, das sich Jugendliche und junge Erwachsene gegen eine Ausbildung mit besseren Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten entscheiden, um kurzfristig einen höheren Lohn als ungelernte Kraft zu bekommen«. Stattdessen führten jegliche Ausnahmen des Mindestlohns zu Lohndrückerei, wobei ältere Arbeitnehmer von jüngeren verdrängt werden.

Fakt bleibt, dass viele Jugendliche Unterstützung brauchen, um den Einstieg in eine Ausbildung zu schaffen. Der UVB fordert daher eine »flächendeckende und systematische Berufsorientierung« für Jugendliche, wie sie zum Beispiel im Programm des Senats zur Schaffung von Jugendberufsagenturen betrieben wird. Allerdings warnte Amsinck die Bezirke davor, auf den Senat zu warten, sondert forderte die zügige Entwicklung und Umsetzung eigener Konzepte.

Beispielhaft für solch ein Programm nannte er den Bezirk Marzahn-Hellersdorf, der mit Angeboten an Schulen und Coachings zum Berufseinstieg die Anzahl arbeitsloser Jugendlicher von 2400 auf 1700 senken konnte. Dort wurden in enger Zusammenarbeit zwischen Bezirk, Arbeitsamt und Jobcenter sogenannte »Matchpoints« geschaffen, Beratungszentren für Schüler, Lehrer und Eltern.

Die Unternehmen versuchen aber auch, durch eigene Kampagnen dem Fachkräftemangel zu begegnen. So will die UVB im Mai dieses Jahres eine Initiative vorstellen, die es ermöglicht, dass mehrere Unternehmen gemeinsam ausbilden. Diese richtet sich speziell an solche Betriebe, die entweder zu klein sind oder aus anderen Gründen wie fehlender Ausstattung oder räumlicher Kapazität eigenen Fachkräftenachwuchs nicht selbst ausbilden können.

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