Abschied von einem Privileg

Jürgen Amendt über Studienanfänger ohne Abitur

Der Zugang zu einem Studium ist in Deutschland gemeinhin an die sogenannte Hochschulreife geknüpft. Früher war das Studium allein den Absolventen der höheren Lehranstalten, den Gymnasien, vorbehalten. In den vergangenen Jahrzehnten wurde diese Restriktion immer mehr abgebaut; neben der Hochschul- gibt es heute auch die Fachhochschulreife sowie fachgebundene Zugänge zu einem Studium.

Aber studieren ganz ohne gymnasiale Bildung bzw. Fachabitur? Auch das, wenn allerdings bislang nur als Ausnahme. Im Jahr 2009 waren es lediglich 6300 Menschen, die ohne Abitur ein Studium aufnahmen. Sie konnten entweder auf eine langjährige Berufspraxis zurückblicken oder sie hatten eine Begabtenprüfung bestanden.

Doch die Zahl der Studienberechtigten ohne Abitur nahm in den Folgejahren stark zu; sie stieg im Jahr 2012 auf 12 400 Studienanfänger, wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) vor Wochenfrist mitteilte. Ihr Anteil an allen Studienanfängern sei hierdurch auf die Rekordmarke von 2,5 Prozent geklettert, bemerkt das CHE fast schon euphorisch. Die Entwicklung zeige, dass die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung größer geworden sei, kommentierte CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele die Zahlen.

2,5 Prozent sind allerdings nicht gerade eine berauschend hohe Quote. Der Anstieg zeigt aber, wohin die Entwicklung im deutschen Hochschulsystem geht. Ein Studium wird immer mehr zu einem Ausbildungsgang mit einem konkreten Berufsziel. Das Abitur verliert sein Alleinstellungsmerkmal. Wer beim Gymnasium noch an Elitenbildung denkt, geht fehl. Das Festhalten am G8 ist auch in diesem Sinne nur der hilflose Versuch, ein altes Privileg zu verteidigen.

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