Schmerzmittel dezimiert Geier

Spanien: Wissenschaftler fordern Verbot eines Medikaments, das die fliegenden Aasfresser in Indien beinahe ausgerottet hätte. Von Ralf Streck

Spanische Wissenschaftler und Umweltschützer befürchten ein massives Geiersterben im Land, weil ein Medikament für die Tiermedizin zugelassen wurde, das nachweislich für den Tod von Millionen der Aasfresser in Asien und Afrika verantwortlich war. In der Fachzeitschrift »Conservation Biology« (DOI: 10.1111/ cobi.12271) fordern verschiedene Wissenschaftler, die Zulassung von Diclofenac zu verbieten, »um schwerwiegende Auswirkungen auf die Geier und das Ökosystem in Spanien zu vermeiden«, heißt es in dem Text.

Für Koautor Antoni Margalida, der an den Universitäten Lleida (Katalonien, Spanien) und Bern (Schweiz) forscht, ist es unverständlich, dass die zuständige spanische Behörde Medikamente mit dem Wirkstoff Diclofenac vor einem Jahr zugelassen hat. »Es gibt andere Mittel mit der gleichen Wirkung, die aber nachweislich keine Gefahr für die Geier darstellen«, bringt er sein Erstaunen gegenüber »nd« zum Ausdruck. Zwar gäbe es Unterschiede in der Tierhaltung in Spanien und Indien, aber auch hier können die mit dem Wirkstoff behandelten Tiere von Geiern gefressen werden. Denn in Spanien konzentriert sich die Viehzucht nicht auf Ställe, sondern viele Tiere stehen auf weitläufigen Weiden. Es ist deshalb nur schwer zu kontrollieren, wo ohnehin kranke Tiere sterben, die mit dem Medikament behandelt wurden.

Wie seine Kollegen und diverse Umweltschutzorganisationen hält er es für fatal, dass das entzündungshemmende Mittel, das vor allem bei Rindern eingesetzt wird, ausgerechnet in einem Land zugelassen wird, das über nahezu die gesamten Restbestände an Geiern in Europa verfügt. »Auch wenn man den Viehzüchtern vorschreibt, das Mittel nur kontrolliert einzusetzen, sieht die Realität anders aus«, erklärte Margalida. Er kennt sich aus, denn der Katalane stammt selbst aus einer Viehzüchterfamilie.

Mit dem Einsatz von Diclofenac in Spanien werden nun die letzten europäischen Geier gefährdet. Geschätzt wird, dass 95 Prozent dieser Vögel Europas in Spanien zu finden sind. Am häufigsten ist der Gänsegeier, von dem es 26 000 Paare geben soll. Vom Mönchsgeier soll es nur noch 2000 Paare geben, vom Schmutzgeier 1400 und vom Bartgeier gar nur 125. Gerade in den letzten Jahren hatten sich die Kolonien erholt, nachdem die EU in Brüssel die wegen des sogenannten Rinderwahns getroffenen Maßnahmen wieder gelockert hatte. Denn wegen BSE, Maul- und Klauenseuche und anderen Krankheiten hatte die EU 2001 zur Seucheneindämmung verordnet, dass verendete Tiere nicht mehr im Freien liegen gelassen werden dürfen. Statt im Magen der Geier landeten sie plötzlich in speziellen Verbrennungsanlagen.

Dass von dem Wirkstoff eine tödliche Gefahr für Geier ausgeht, ist unbestritten. Denn es wurde zweifelsfrei nachgewiesen, dass die Tiere fast sofort an Nierenversagen sterben, wenn sie über Aas Diclofenac aufnehmen. Das führte dazu, dass diverse Geierarten in Indien und anderen asiatischen Ländern beinahe ausgerottet wurden. Zogen dort einst Millionen Aasfresser auf der Suche nach Nahrung ihre Kreise, wurden die Bestände zum Teil um bis zu 99 Prozent dezimiert. »In verschiedenen Ländern Asiens ist Diclofenac deshalb schon seit 2006 verboten«, berichtet Margalida. Zuvor hatte im Jahr 2004 eine Veröffentlichung im Fachblatt »Nature« das Geheimnis über das Geiersterben gelüftet und das billige Diclofenac als Ursache genannt.

Für den Forscher ist die Zulassung in Spanien noch unsinniger, da man dieses für Geier tödliche Mittel durch Medikamente mit dem Wirkstoff Meloxicam ersetzen kann. »Die sind etwas teurer«, erklärt er und befürchtet, dass sich Medikamente mit Diclofenac schnell verbreiten. »Die Lösung ist einfach: das Mittel vom Markt zu nehmen und durch andere Mittel zu ersetzen, um das Risiko auszuschließen.« Doch für Margalida ist klar, dass die Firma, nachdem sie alle Hürden der Zulassung überwunden hat, das Medikament nicht einfach wieder zurückziehen wird.

Wirklich erklären kann sich der Forscher nicht, warum bei der Zulassung das Massensterben der Geier in Asien und Afrika ignoriert wurde. Mit der Zulassung von Diclofenac, das schon zuvor in Italien in der Tiermedizin verabreicht werden durfte, ist die Tür nun auch komplett für den europäischen Markt geöffnet. Appelliert wird deshalb von den Forschern und Umweltschutzorganisationen auch an die EU, denn die Diclofenac-Zulassung läuft den Bestimmungen und den Zielen zum Artenschutz und zum Erhalt bedrohter Vogelarten entgegen. Die sehen vor, dass ökologische Schäden durch Medikamente vermieden werden müssen.

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