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Außerhalb des Protokolls

Alt-Kanzler Gerhard Schröder wird heute 70: Auf Spurensuche bei ganz normalen Sterblichen

Spätestens seit der Vorstellung seines Buches »Klare Worte« wussten alle, dass Gerhard Schröder am 7. April seinen 70. Geburtstag feiert. Ein Streifzug in Berlin.

Eigentlich hätte man nach Elmshorn fahren müssen. Als einziger Ort in der Bundesrepublik hat die 50 000-Seelen-Stadt in Schleswig-Holstein eine Gerhard-Schröder-Straße. Eine kleine zwar, gleich hinter dem Konrad-Adenauer-Damm und um die Ecke der Schumacher Straße - aber immerhin. Nicht mal im westfälischen Mossenberg, dem Geburtsort des siebten Bundeskanzlers, hat man sich bislang zu einer solchen Ehrung durchringen können. Und auch in Hannover, wo Schröder acht Jahre niedersächsischer Ministerpräsident war und bis heute lebt, trägt keine Straße seinen Namen. Gleichwohl wird dort sicher aus Anlass seines heutigen 70. Geburtstages wieder ganz großer Bahnhof stattfinden. Politiker, Künstler, Spitzenmanager haben sich schon bei vorangegangenen Jubiläen des Mannes mit der beispiellosen aber auch selbst immer wieder betonten Karriere von »ganz unten« nach »ganz oben« ein Stelldichein gegeben.

Es braucht nicht viel Phantasie, sich die Lobpreisungen vorzustellen, die zu derlei Anlässen als gesetzt gelten dürfen. Welche Spuren Gerhard Schröder bei ganz normalen Sterblichen hinterlassen hat - die mit der gegenwärtigen Diskussion darüber, ob der frühere SPD-Vorsitzende als »Elder Statesman« gelten kann oder nicht, nichts anfangen können und vor allem nicht nur wissen wollen, dass der jugendliche Schröder an den Toren des Kanzleramtes rüttelte, sondern ihn an dem messen, was er da drinnen für sie bewegte -, wird bei solchen »Promi-Events« mit schöner Regelmäßigkeit ausgeblendet.

Spuren zu suchen ist aber überall möglich. Egal ob in Mossenberg, Hannover oder Elmshorn. Oder eben in Berlin, wo Schröder den Großteil seiner Amtszeit zwischen 1998 und 2005 verbrachte. Und die SPD-Mitglieder wie -Wähler zwischen den Beschwörungen seiner prägenden sozialdemokratischen Wurzeln und der rabiatesten Arbeitsmarktreform, zwischen der ersten direkten deutschen Kriegsbeteiligung in Kosovo und der vehementen Ablehnung eines militärischen Einsatzes der Bundeswehr in Irak von einer Ohnmacht zur nächsten trieb.

Ob all diese Eruptionen auch fast zehn Jahre nach Schröders Kanzlerschaft bei Anhängern wie Gegnern seiner Politik überhaupt noch präsent sind, war Anliegen eines Streifzuges in der hauptstädtischen Karl-Marx-Allee - einem Ort, der mitnichten eine Anspielung auf Schröders kurzzeitigen Flirt mit der Stamokap-Fraktion während seiner Juso-Zeit sein soll. Von derlei »Jugendsünden« in der linken Ecke eines in die Jahre gekommenen Politikers weiß heute sowieso kaum noch jemand. Wie überhaupt vielen, zumeist jüngeren Passanten der einstigen Ostberliner Prachtstraße der nunmehr 70-jährige Altkanzler ziemlich weit entschwunden ist. »Lange her«, oder »Da kann ich nicht weiterhelfen«, murmeln zwei eilig zur Arbeit Hastende - und weg sind sie. Zeit haben nur solche, die inzwischen zu Schröders Generation gehören - auch wenn sie im Unterschied zu ihm nicht mehr mit schulpflichtigen Kindern zugange sind.

Klaus Senft zum Beispiel sitzt auf einer der Bänke in der gerade jetzt herrlich frühlingshaften Allee. Dem aus dem Westteil der Stadt stammenden einstigen Kraftfahrer, der heute im Altersheim in Friedrichshain lebt, genügt Schröder nur als Stichwort, um dessen Familiengeschichte herunterzurattern. Die allein stehende Mutter, der arme Bruder, die frühere Frau mit dem Gemüse-Tick. Senft hat den Kanzler dereinst vorm »Borchardt« am Gendarmenmarkt, das Bundestagsabgeordneten und Spitzenpolitikern bisweilen als »Kantine« gilt, einmal ziemlich hautnah erlebt - und jedenfalls hat der über die Bodyguards hinweg auf seinen Gruß geantwortet. »Ein freundlicher und sympathischer Mann«, ist er sich deshalb sicher. Aber seine Politik? »Da fällt mir gar nichts Positives ein«, gesteht der 75-Jährige. Die hohe Arbeitslosigkeit damals, als er selbst noch Geld verdienen musste, und Hartz IV - nee, das hat ihm nicht gefallen. Und auch, dass Schröder so gut mit Putin kann, ist dem Rentner suspekt. »Wir in Westberlin halten es eben lieber mit den Amerikanern«, versucht er eine Erklärung, die ihre Wurzeln in der Nachkriegszeit hat. Und so angenehm ihm auch Schröder sein mag, mit der SPD hatte er sowieso nie was am Hut. Sowohl Schröders Vorgänger Helmut Kohl als auch dessen Nachfolgerin Angela Merkel, »die Königin in Europa«, sind ihm näher.

Letzteres gilt für zwei ältere Frauen, die ebenfalls die Frühlingssonne in der Allee spaziergehend genießen, ihre Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen wollen, ganz bestimmt nicht. Für die eine zählt vor allem, dass Schröder »sehr durchsetzungsfähig« und »stark engagiert in seinem Umfeld« war. Die 84-Jährige hat die Regierungszeit des Sozialdemokraten nicht nur als »eine gute Zeit« in Erinnerung, weil sie damals noch jünger war. Insbesondere die Zusammenführung von Ost und West im Lande habe er »sachlicher gestaltet« als sie das von heutiger Politik sagen könnte. Sie als Ostdeutsche wünsche sich manchmal »mehr persönliche Zuwendung, wie wir sie früher hatten«. Die andere Rentnerin gibt lediglich kurz und bündig zu Protokoll: »Schröder war viel sympathischer als Helmut Kohl, und Merkel schwankt mir zu sehr - ich kann der CDU einfach nichts mehr glauben.«

Inge Scholz erinnert sich noch gut an das Aufatmen im Herbst 1998 nach den vielen Kohl-Jahren. Sie ist aber trotz ihrer anfänglichen Sympathie für Rot-Grün dann doch mehr und mehr zu einer kritischen Sicht auf Schröders Regierungszeit gelangt. Gerade weil sie wegen ihrer familiären sozialdemokratischen Wurzeln - der Großvater war als Buchdrucker ein sehr engagierter Sozialdemokrat - immer besonders genau auf das Agieren der SPD guckt. »Und da sehe ich nach den sieben Jahren von Schröders Regierungszeit eine wenig gute Hinterlassenschaft«, sagt die 81-Jährige mit Blick auf die Agenda 2010 und die Präsenz deutscher Soldaten an vielen Krisenherden der Erde.

Gerhard Schröder freilich, der sich über mangelndes Selbstbewusstsein ohnehin nie beklagen konnte, schätzt das völlig anders ein. Gerade hat er in seinem sich selbst bereiteten Geburtstagsgeschenk auf 238 zwischen zwei Buchdeckel gepressten Seiten »Klare Worte« gesprochen - und natürlich eine überwiegend positive Bilanz seiner Kanzlerschaft gezogen. Dass der SPD-Politiker sich damit zugleich als Politikberater in Sachen Europa und Globalisierung empfiehlt, ist nicht zu überlesen. Auch nach vielen Interviews in jüngster Zeit bleibt kein Zweifel - der Mann hat längst noch keinen Bock, Privatier zu sein und bastelt ganz augenscheinlich an eigener historischer Größe.

Hat er dabei Erfolg - was das Echo aus dem Willy-Brandt-Haus bislang nicht so richtig hergeben will - wird vielleicht ja irgendwann irgendwo tatsächlich mal eine Straße nach ihm benannt werden. Denn die eingangs erwähnte in Elmshorn hat mit »dem Gerhard Schröder, den wir alle kennen, gar nichts zu tun«, leistet Peter Köhnke, Mitarbeiter beim Kulturamt der sechstgrößten Stadt in Schleswig-Holstein Aufklärungshilfe. Und setzt schmunzelnd hinzu, dass der mit Straßenschildern geehrte Namensvetter des Ex-Kanzlers von »der anderen Fakultät«. sei. Der CDU-Mitbegründer mit NS-Vergangenheit war zwischen 1953 und 1969 Innen-, Außen- und Verteidigungsminister in Bonn - und Schröders Amtsvorgängern Adenauer, Erhard und Kiesinger stets zu treuen Diensten.

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