Vom Aufstand zur stetigen Organisierung

Der Tod Benno Ohnesorgs, die 68er und was übrig ist

Seit 1997 veranstaltet die Jour Fixe Initiative Vortragsreihen zu politischen und philosophischen Themen. In der aktuellen Reihe geht es unter dem Titel »Organisation der Emanzipation?« um die in letzter Zeit immer wieder gestellte Frage, ob und wie sich die Aufstände und neuen sozialen Bewegungen, die weltweit stattfinden, durch Organisierung verstetigen lassen können.

1968 wird in den Analysen der jüngsten sozialen Proteste und revolutionären Bewegungen von Kairo bis Sao Paulo immer wieder herangezogen. So auch vom aus Freiburg stammenden Autoren Michael Koltan, der die Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 während der Proteste gegen den Schah-Besuch ins Zentrum seines jüngsten Vortrags stellte. Wie konnte aus diesem Ereignis ein Protest werden, bei dem Hunderttausende auf die Straße gingen und sich eine ganze Bewegung konstituierte und radikalisierte? Hatte das mit strukturellen gesellschaftspolitischen Faktoren und mit bestimmten Organisationen im Vorfeld zu tun? Welche organisatorischen Konsequenzen entwickelten sich daraus?

Der SDS spielte laut Koltan dabei eine wichtige Rolle. Anfang der 1960er war der Sozialistische Deutsche Studentenbund Sammelbecken linker Strömungen. Das heterogene Panorama reichte von Sozialdemokraten über Kommunisten und Trotzkisten bis hin zu undogmatischen Linken. Ab Mitte der 60er wurde der SDS von der »Subversiven Aktion«, einer Abspaltung der Situationistischen Internationalen unterwandert. Leuten wie Rudi Dutschke und Rainer Langhans ging es weniger um eine Transformation politischer Institutionen, sondern um ein kulturrevolutionäres Infragestellen bürgerlicher Ordnung.

Durch den »revolutionären Romantizismus« (Koltan) der 68er wurde in der parlamentarischen BRD, die weniger auf Repression als auf ideologische Bindung ihrer Bürger setzte, eine bisher gültige Loyalität erfolgreich in Frage gestellt. Jenseits des Ost-West-Gegensatzes, der sonst jeden politischen Diskurs durchzog, gab es plötzlich eine undogmatische und lebensweltlich geprägte Alternative. Dadurch wurde laut Koltan eine »Leerstelle« geschaffen, in der das »Ereignis« erst stattfinden konnte. Der Schuss auf Ohnesorg zerstörte die herrschende symbolische Ordnung und wurde zum Funken, der das heterogene Gemisch aus politischer Kritik und subkulturellen Gegenentwürfen zur Explosion brachte.

Wie sich die Organisierung dieser Bewegung dann entwickelte und welche Bedeutung sie für heute hat, wurde anschließend in offener Runde kontrovers diskutiert. Die Gründung der DKP, die K-Gruppen und die RAF wurden als gescheiterte Organisierungen bezeichnet. Aber lösten sich alle Gruppen der 68er sang- und klanglos auf oder sedimentierten sich die Erfahrungen in nachfolgenden Bewegungen? Wie etwa die Kommune-Praxis, die in der Häuserbewegung der 80er Jahre weiterentwickelt wurde.

Und stimmt das Bild der 68er als vornehmlich akademisch geprägte Bewegung? Auch organisierte Betriebsgruppen, etwa bei Daimler in Stuttgart, wo italienische Arbeiter Erfahrungen aus ihrem radikalen Kampf in Italien einbrachten und protestierende Lehrlinge, die mit ihren Meistern über das Recht auf lange Haare stritten, spielten eine wichtige Rolle. Dies merkte Willi Hajek in der Diskussion an, der am 4. Mai den nächsten Vortrag der Reihe hält und über »anti-hierarchische Kultur« und »alternative Lernprozesse« sprechen will.

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