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Die revolutionäre Masse kann für frischen Wind sorgen

Der Erste Mai – in der Provinz und in der Metropole

Markus Mohr wird oft als Alt-Autonomer bezeichnet, versteht sich selbst aber als junger Kommunist. Er lebt seit dem 1. Januar 2005 von Leistungen der Arbeitsagentur, die umgangssprachlich nach einem Straftäter benannt sind.
Markus Mohr wird oft als Alt-Autonomer bezeichnet, versteht sich selbst aber als junger Kommunist. Er lebt seit dem 1. Januar 2005 von Leistungen der Arbeitsagentur, die umgangssprachlich nach einem Straftäter benannt sind.

Der charmanteste Aufruf zu einer Demo anlässlich des revolutionären 1. Mai 2014 wurde an die 1477 Bewohnerinnen der Gemeinde Küsten im Wendland verfasst. Die mutmaßlich im Ortsteil Meuchefitz beheimateten autonomen Anti-Atom-AktivistInnen variierten in ihrem Flugblatt die »Es stinkt«-Metapher zu den herrschenden kapitalistischen Verhältnissen.

Nicht nur in den großen Metropolen sondern auch im ländlichen Raum erschnüffeln ihre feinen Nasen allerorten den Gestank von »Ausbeutung«. Und weiter führen sie aus: »Es riecht nach Massentierhaltung und Gülleimporten, nach Antibiotika im Grundwasser und resistenten Keimen in unseren Krankenhäusern. Es riecht nach Leiharbeit und Lohndumping, nach Bäuerinnen und Bauern im Griff der Konzerne, nach Monsanto auf den Äckern. Es riecht nach Fischmehl von Somalias Küste im Tierfutter, nach Ruin für die Landwirtschaft in den Ländern des Südens. In einigen Ecken riecht es auch noch nach brauner Scheiße aus den Köpfen alter und neuer Nazis. Es stinkt nach der alten Geschichte von Gier, Profitmaximierung, Ignoranz, Geringschätzung und Entmenschlichung.« – Was für eine allgemein treffende Situationsbeschreibung! Was liegt da näher als gemeinsam mit den Wendländer Revolutionistas lautstark in den Chor: »Wir wollen frischen Wind!« einzustimmen.

Wie mag nur der genaue Verlauf dieser vorbildlich begründeten Manifestation gewesen sein? Gab es Handgemenge, gar Polizeieinsätze? Wurde die 1.-Mai-Kundgebung des DGB in Lüchow mit gerade mal 150 Beteiligten unter dem Nonsens-Motto: »Gute Arbeit, soziales Europa« von der TeilnehmerInnenzahl in den Schatten gestellt? – Wir wissen es leider nicht, denn bislang hat noch kein Aktionsbericht aus Meuchefitz die demokratische Weltöffentlichkeit erreicht.

Vom Land in die Stadt

Wir können aber etwas über den Verlauf des revolutionären 1. Mai in Berlin sagen. Während der DGB für seine Kundgebung am Brandenburger Tor nach wohlwollenden Schätzungen gerade einmal 10.000 Leute an den Start gebracht hat, beteiligten sich mit weit über 20.000 mehr als jemals zuvor Leute an der abendlichen revolutionären 1.-Mai-Demo. Lautstark skandierte Parolen wie »Ganz Berlin hasst Sarrazin!« reimen sich nicht nur, sondern sind auch in der politischen Perspektive völlig richtig.

Komplexer schon die genaue Bedeutung der Aussage »Ganz Berlin hasst die Polizei!« – Es ist ja offenkundig, dass das nicht wenige in der Stadt wohnende Nazis, Kapitalisten, Staatsadministratoren und Vermieter differenzierter sehen müssen, denn anders ist doch die Beibehaltung der für sie günstig bestehenden Verhältnisse gar nicht möglich. Klug das Sandwich eines langhaarigen Genossen mit der knappen Botschaft »myfest ist nicht my Fest!«

Das Ziel dieser Manifestation, die SPD-Parteizentrale, geht auch in Ordnung. Allerdings steht begründet zu vermuten, dass die dort von einem Redner flott weg aufstellte Behauptung, dass Karl Liebknecht schon vor 100 Jahren wusste, dass SPD-Außenminister Frank Walter Steinmeier mit seiner Politik heute in der Ukraine großen Unfug anrichtet, der Bevölkerung sicher nicht ganz einfach zu vermitteln ist.

Im Vorfeld haben autonome GenossInnen eine aus dem Geist des Kreuzberger Strassenkampfes verfasstes längeres Kritikpapier an einer Reihe von problematischen Aspekten an einer Ritualisierung des 1. Mai publiziert. Darin vermischt sich manche richtige Beschreibung im Detail mit einer politisch allerdings zur sehr auf den Stadtteil Kreuzberg-Friedrichshain begrenzten politischen Perspektive.

Man möge doch in der gegenwärtig eskalierenden Situation von Krise, Krieg, Kapitalismus und Chauvinismus in Europa die Beteiligung von weit über 20.000 Leuten an einer Demonstration der außerinstitutionellen Linken nicht so gering achten.

Das gilt allerdings auch in Bezug auf mutmaßliche »EasyJet-Touristen«, über die der Sprecher des revolutionären 1.-Mai-Bündnisses, Genosse Michael Prütz, leider im Vorfeld despektierlich verbreitet hat: »Wir haben klare politische Ziele und sind nicht die Vorlage für erlebnisorientierte EasyJet-Touristen.«

Wie bitte? Mit welchen noch teureren Verkehrsmitteln sind denn die griechischen GenossInen, die erneut an der Spitze der revolutionären 1.-Mai-Demo gegangen sind, nach Berlin angereist? Oder wurden ihnen wohl möglich vom 1.-Mai-Bündnis die Reisekosten für eine Bahnfahrkarte Athen-Berlin hin und zurück erstattet? Manche Zitate funktionieren einfach wie ein Möbelstück von IKEA: Wenn man sie auseinander schraubt, bekommt man sie hinterher nicht wieder zusammen.

Von der Hauptstadt zur Elbmetropole

Der Innovationspreis des revolutionären 1. Mai im Jahre 2014 geht aber nicht nach Berlin sondern nach Hamburg: an die Besetzer der Grundschule Laeiszstraße im Karoviertel. Sie richteten dort einen Willkommens-Center für Flüchtlinge in der Stadt ein.

Der vor Ort Bericht erstattende NDR-Reporter liegt völlig falsch, wenn er eben diese mit dem Worten vermeldete: »Das ist in der Tat die erste problematische Situation an diesem ersten Mai. Etwa 100 Menschen, so schätzt es die Polizei, haben sich Zutritt zu diesem roten Gebäude hinter mir verschafft, eine ehemalige Schule, die im Moment wohl leer steht …«

So eine gewiefte Aktion, die nebenbei auch die Staatsmacht foppt, kann niemals an einem 1. Mai und darüber hinaus eine »problematische Situation« hervorrufen, ganz im Gegenteil: Sie ruft doch als wunderbarer Vorgriff auf eine erheblich bessere Welt eine »großartige Situation« hervor.

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