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Unangepasst, unsympathisch

Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz wäre vor kurzem 80 Jahre alt geworden. Sein Großroman heißt »Mein Freund Klaus«

Ein »taz«-Redakteur zitiert aus einem Schreiben des linken Schriftstellers und Rechtsanwalts Peter O. Chotjewitz, der nicht selten ein Freund deutlicher Worte war: »Ich war nie inner Dekapee. Ich habe nie behauptet, es gebe inner SU oder DDR Sozialismus. Gegen die Einverleibung der DDR in den stinkenden verwesenden Staatskörper der BRD war ich aus anderen Gründen.« Nein, Chotjewitz war nie in der DKP, man hätte sich den mit dem Schnapsglas in der Hand keckernden Antiautoritären, den Lebemann, den eitlen Exzentriker und Scherzbold in dieser Partei, die seit Jahrzehnten wie unter Mehltau liegt, diesem tristen Jurassic Park der ewig geballten Fäuste und der radikalen Humorlosigkeit, auch nur schwer vorstellen können.

Aber man darf dem Mann unterstellen, dass er sich zeit seines Lebens als Angehöriger der sogenannten außerparlamentarischen radikalen Linken begriff, sei es nun als moderner Erzähler, als Übersetzer der Werke des anarchistischen Dramatikers Dario Fo, als Autor für Publikationen wie »Konkret« und »Jungle World« oder als Jurist. »›Wenn es dir‹, sagte ich mir, ›gelingt, die Pensionsgrenze zu erreichen, ohne zu arbeiten, anderen in den Hintern zu kriechen und billigen Wermut zu trinken, dann wird das Schicksal es gut mit dir gemeint haben‹«, sagt eine seiner Erzählerfiguren einmal. Ein Satz, wie er so auch aus dem Mund des Schriftstellers hätte kommen können. Im Dezember 2010 starb Chotjewitz im Alter von 76 Jahren in seinem langjährigen Wohnort Stuttgart.

Womöglich hat der bundesdeutsche Literaturbetrieb ihn genau deshalb nie eingemeindet bzw. ihm genau das nie verziehen: dass er kein mit dem Zeigefinger fuchtelnder, staatstragend moralisierender Grass oder Walser sein wollte, kein sozialdemokratischer oder nationaltrunken daherrhabarbernder Sonntagsredner, sondern ein Freiheitssucher und Bohemien, der - wie 1968 geschehen - auch mal nackt vor der Kamera posierte, ein linksradikaler Dandy und Feuerkopf, nicht der Schulterklopfonkel der Literatur, sondern der Meckeronkel.

»An lesefreien Tagen hockten wir bis in die Morgenstunden am Küchentisch, drehten riesige Joints, die wir beschrifteten, ›Sputnik‹, ›KPdSU‹ oder ›langer Marsch‹, kifften wie die Scheunendrescher, erdachten anarchische Bücher (…) und manchmal prellten wir auch in einem etwas besseren Restaurant die Zeche, um den Gastwirten schon mal einen Vorgeschmack auf die Folgen der bevorstehenden Revolution zu geben, von der sogar die Beatles sangen.« Es muss dies eine schöne, sonderbare Zeit gewesen sein, als Chotjewitz 1968 im Stuttgarter »Club Voltaire« den überzeugten Rollkragenpulloverträger Klaus Croissant kennenlernte. »Wir sind uns ähnlich. Narzisstische Typen, ein bisschen oberflächlich, Lustmenschen, unangepasst, unsympathisch. Wir hatten die gleichen Ideale.«

In dem vor kurzem in einer Neuausgabe erschienenen Dokumentarroman »Mein Freund Klaus«, aus dem die soeben zitierten Passagen stammen, unternimmt Chotjewitz den Versuch, das Leben und Wirken seines linken Anwaltskollegen Klaus Croissant nachzuzeichnen, das er jahrelang akribisch recherchiert hat. Croissant, insbesondere in den sechziger und siebziger Jahren als eine schillernde Figur bekannt und wie Chotjewitz seinerzeit als Strafverteidiger von Angehörigen der Roten-Armee-Fraktion (RAF) tätig, wurde wegen Unterstützung der RAF angeklagt und zweieinhalb Jahre inhaftiert. In den achtziger Jahren lässt er sich auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit ein, liefert Informationen über die linke Szene Westberlins, wird in den Neunzigern wegen »geheimdienstlicher Tätigkeit« abermals verurteilt.

Einem im Buch befragten Bekannten von Croissant zufolge jedoch soll dieser die DDR »verabscheut« haben. »Uniformen und Hierarchien hasste er.« 2002 ist Chotjewitz’ »Freund Klaus« gestorben. Man kann ihn also nicht mehr nach der DDR befragen. In einem Nachwort zu dem Roman schreibt der Schriftsteller Dietmar Dath: »Wenn Chotjewitz überliefert, Croissant habe die DDR den besseren deutschen Staat genannt, dann überliefert er bewusst nicht, Croissant habe die DDR etwa den guten deutschen Staat genannt. Es könnte sein, dass Croissant die DDR selbst zu der Zeit, als er sie verabscheut haben soll, gleichwohl gegen die BRD verteidigt hätte. Man kann einen Staat nämlich verabscheuen und ihn dabei trotzdem noch besser finden als die BRD.«

Im Roman lernen wir Croissant, den von der bundesdeutschen Presse zum Public Enemy stilisierten, verabscheuungswürdigen »Terroranwalt« und »Stasi-Spitzel«, auch anders kennen, als Proust und Camus lesenden Homme des Lettres, als Gegner des Adenauerstaates, in dem überall Altnazis »die Gegenwart verpesteten«, als Weltverbesserer, überzeugten Atheisten und Antifaschisten, der auch deshalb wurde, was er wurde, weil er »in einer Gesellschaft aufwuchs, in der jeder zweite ein Nazi war und in der viele so taten, als wären sie nie einer gewesen, während nicht wenige noch immer stolz darauf waren, einer gewesen zu sein«.

Chotjewitz hat in jahrelanger Kleinarbeit eine gewaltige Menge an Stoff zusammengetragen, was dazu führt, dass man als Leser zwischendrin auch gelegentlich mal die Orientierung verliert: Von welchem Urteil in welcher Strafsache gegen welches Solidaritätskomitee ist gerade die Rede? Sind wir jetzt im Jahr 1971 oder 1966? Chotjewitz zitiert aus Briefen, Zeitungen, Gerichtspapieren und Archivdokumenten, betreibt Familienforschung, stellt schriftliche Anfragen bei Behörden, beim BKA und dem Verfassungsschutz, reiht Protokolle von Gesprächen, die er mit Verwandten, ehemaligen Nachbarn und Weggefährten Croissants führte, aneinander und notiert dazwischen immer wieder Anekdoten aus den wilden Jahren und eigene Erinnerungen an seinen Freund.

Herausgekommen ist dabei aber nicht nur eine umfängliche, aus tausenderlei Quellenmaterial zusammencollagierte Großreportage oder ein die Lebensgeschichte und den politischen Werdegang Klaus Croissants dokumentierendes Buch. Es ist überdies auch auch eine »oral history of Germany« (Klaus Walter) und ein Roman über die bundesdeutsche Nachkriegszeit und die in ihr fortlebenden Überreste des Nationalsozialismus geworden. »Heidelberg im Sommer 1951 war ein Schock. Ein Schock, da ich spürte, dass die Stadt einen Blick in die Zukunft gestattete. So wie die Leute hier lebten, als hätte es nie ein Naziregime und nie einen Krieg gegeben, so würden die Menschen im ganzen Land alles verdrängen und vergessen, was sie angerichtet und selbst erlebt hatten.«

Aufgrund der Fülle des Materials, das hier aufgefahren wird, hat man zuweilen den Eindruck, einiges sei redundant. Allerdings kann man diesen fast 600-seitigen Klops aufschlagen, wo man will, man wird immer eine hübsche Passage finden: »Plätze erträgt dieses Volk nur noch, wenn es voll ist und der Platz auch.« Der PEN-Club? »Eine nichtsnutzige und deshalb angesehene Schriftstellervereinigung«. Und übers Technikmuseum Sinsheim-Steinfurth erfahren wir, dass es »aussieht wie ein militärischer Schrottplatz«. Nur zu gern hätte man auch ein Foto gesehen von dem mit einem Schriftzug versehenen Sportwagen eines Achtundsechziger-Kumpels von Chotjewitz. »Hunger auf Gerechtigkeit. Durst auf Revolution« soll in großen Buchstaben auf dem knallroten Porsche gestanden haben.

Peter O. Chotjewitz: Mein Freund Klaus. Roman. Verbrecher-Verlag, Berlin. 583 Seiten, geb., 32 €.

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