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Dicke aller Länder

Für Andreas Koristka ist Merkels Gewichtsverlust eine Hiobsbotschaft für alle Moppelchen

Angela Merkel hat kürzlich zehn Kilo abgenommen. Auf den ersten Blick ist das eine gute Nachricht. Denn rank und schlank wie sie nun ist, ist das Risiko deutlich reduziert, dass sie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen erleiden wird. Wir werden also auch zukünftig eine gesunde Kanzlerin genießen können, die uns, so Gott und ihre fragile Hüfte wollen, hoffentlich lange erhalten bleibt. Doch für die Minorität der Dicken in unserem Land war Merkels Gewichtsverlust eine Hiobsbotschaft. Sie verlieren durch ihn eine potenzielle Fürsprecherin ihrer Belange in einer - wenn nicht sogar der - einflussreichsten Position.

Um die Gleichberechtigung der Dicken - der politisch korrekte Begriff lautet »unter schweren Knochen Leidende« - ist es seit jeher schlecht bestellt. Machthunger und Heißhunger auf ein Goldhähnchen mit Fritten gingen in Deutschland selten Hand in Hand, weswegen Dicke kaum in führende politische Positionen gelangten. Helmut Kohl, Ludwig Erhard und Hermann Göring waren die rar gesäten positiven Ausnahmen in einem Land der Vollschlankendiskriminierung. Diese ist omnipräsent und das gesellschaftliche Klima trägt dazu bei, dass »fette Sau«, »Breitarschgazelle« und »tsunamigeballter Wabbelbolzen ohne Hals« mittlerweile als Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen gelten. Dass sich daran etwas ändert, dafür kämpfen unter anderem die »Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.« und »Dicke e.V. - der Verein für die Akzeptanz dicker Menschen«.

Letztgenannter gab neulich einer Frau sehr breite Rückendeckung, die ein Gericht in Darmstadt aufaß … Quatsch … anrief. Sie hatte sich für die Stelle der Geschäftsführerin des Vereins »Borreliose und FSME Bund Deutschland« beworben und war abgelehnt worden, weil ihr hohes Gewicht die Empfehlungen ihres möglichen neuen Arbeitgebers »für Ernährung und Sport konterkarieren« würde. Natürlich ist es richtig, dass schlanke, sportliche Menschen viel schneller vor den Borreliose übertragenden Zecken davonrennen können, weswegen die Argumentation nicht ganz unbegründet erscheint. Aber darf man Moppelchen deswegen nicht einstellen? Darf man, meinte die Darmstädter Richterin und verweigerte der Frau eine Entschädigung von 30 000 Euro. Eine bodenlose Frechheit! Ist es in Deutschland schon wieder so weit, dass stigmatisiert und ausgegrenzt werden darf? Haben wir gar nichts aus unserer Vergangenheit gelernt? Ist die Kampfhundeverfolgung der späten Neunziger schon vergessen? Oder der Holocaust? Scheinbar ja, und die Übergewichtigen tun gut daran, sich gegen ihre Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Alle Protestformen - vom Hungerstreik abgesehen - sollten sie dafür in Betracht ziehen. Der Kampf dürfte sich lohnen, auch wenn er an den Kräften zehrt wie an den Toffifee auf dem Wohnzimmertisch. Das Endziel hat die »Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung« schon mal formuliert: »Unser Traum ist eine Welt, in der das Leben eines Menschen, seine Gesundheit, Wohlbefinden und sein Glück nicht von seinem Gewicht abhängen.« Die Abschaffung von wundgelaufenen Oberschenkeln und Herzinfarkten dürfte ein erster Schritt zur Verwirklichung dieses Ideals sein. Ein zweiter wäre die Entfernung jeweils einer Wand in Mietshäusern, damit der Kran besser ans Bett kommt.

Doch nicht nur die Dicken, auch andere gesellschaftliche Gruppen gehören entdiskriminiert. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass man immer noch schief angeguckt wird, wenn man in den öffentlichen Verkehrsmitteln popelt und gleichzeitig die dritte Strophe von Mickie Krauses »Zehn nackte Frisösen« rülpst. Gegen den Hass, der einem dabei entgegenschlägt, ist die Intoleranz gegenüber herkömmlichen Romafamilien ein fröhliches Akkordeonliedchen. Es werden eben noch viele Kämpfe ausgetragen werden müssen, bis unsere Gesellschaft wirklich tolerant ist und mich so akzeptiert, wie ich bin.

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