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Arabische Welt mit international höchster HIV-Infektionsrate

Unruhen und Konflikte begünstigen die Negativentwicklung ebenso wie Armut, mangelnde Aufklärung, Tabuisierung und Diskriminierung

  • Von Mona Alami, Beirut
  • Lesedauer: 3 Min.
In der arabischen Welt ist HIV/Aids trotz der generell verbuchten internationalen Erfolge gegen die Immunschwächekrankheit weiter auf dem Vormarsch.

Nach Angaben des UN-Aidsprogramms UNAIDS trugen 2012 in der Region Nahost/Nordafrika (MENA) rund 270 000 Menschen das HI-Virus in sich - an sich keine hohe Zahl, wie Khadija Moalla, eine unabhängige Menschenrechts-, Frauen- und Gesundheitsaktivistin in Beirut, bestätigt. Beunruhigend sei jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich der Erreger verbreite.

Die UN geben die Zahl der Neuinfektionen für 2012 mit 31 000 an, 16 500 sind im gleichen Jahr an den Folgen der Krankheit gestorben. »Die Infektionsrate hat zwischen 2001 und 2012 um 74 Prozent zugenommen, während die mit Aids in Verbindung stehenden Todesfälle sich fast verdreifacht haben«, erläutert Matta Matta, ein Experte für Ansteckungskrankheiten am Bellevue-Krankenhaus in Libanon.

Weder Moalla noch Matta schließen aus, dass die Zahlen drastisch höher sein könnten. Es fehlt in der Region an verlässlichen Untersuchungen und anonymen Testmöglichkeiten, mit deren Hilfe die Betroffenen besser erfasst werden könnten.

Mit der Ausnahme von Somalia und Dschibuti konzentriert sich die HIV-Epidemie in der Regel auf die anfälligen Bevölkerungsgruppen wie Homosexuelle, Prostituierte und Heroinabhängige. In Libyen beispielsweise sind 90 Prozent aller Menschen, die sich Drogen spritzen, HIV-positiv, erklärt Moalla, und führt diese Tatsache auf das Fehlen von Programmen zurück, die Betroffenen mit Einwegspritzen auszustatten.

Da die anfälligen Gruppen in den arabischen Ländern meist kriminalisiert werden, sind sie sehr schwer zu erreichen. Mit der Ausnahme von Tunesien, wo Prostitution legal ist, müssen Prostituierte in der Regel im Untergrund arbeiten. In Abwesenheit von besonderen Schutzgesetzen sind sie dadurch nicht in der Lage, ihre Freier dazu zu zwingen, Kondome zu benutzen, was die Ausbreitung des Virus begünstigt.

Es fehlt zudem an Sensibilisierungsmaßnahmen, anonymen Testmöglichkeiten und Bildungsprogrammen. Hinzu kommen Armut und soziale Tabus, die als die treibenden Kräfte hinter der HIV-Epidemie in den MENA-Staaten gelten. »Arabische Regierungen und Gesellschaften leugnen die Epidemie. Da sich niemand freiwillig testen lässt, können wir davon ausgehen, dass auf jede HIV-positive Person zehn weitere Infizierte kommen«, befürchtet Moalla.

Die Betroffenen leben in Angst, entdeckt, diskriminiert und stigmatisiert zu werden. »Mehr als der Hälfte der HIV-Infizierten in Ägypten wird eine Behandlung in Gesundheitseinrichtungen verweigert«, so Matta.

Verschärft wird das Problem durch die politische Unsicherheit, durch Kriege und Vertreibung. Diese Faktoren machen den Zugang zu Präventions-, Versorgungs- und anderen Programmen schier unmöglich. Der 2003 in Irak ausgebrochene Krieg führte zur Vernichtung fast aller nationalen Aids-Programme, und Moalla zufolge wurde in Libyen erst kürzlich das Nationale Aids-Zentrum niedergebrannt. In einigen Staaten haben die Konflikte das Problem der HIV/Aids-Anfälligkeit potenziert. Bis 2012 wurden den Schätzungen zufolge ganze acht Prozent der HIV-positiven Frauen in der MENA-Region angemessen medizinisch behandelt, um einer Übertragung von HIV auf ihren Nachwuchs vorzubeugen.

Seither haben nur wenige Regierungen effektive Programme aufgelegt, um die Epidemie abzubremsen oder gar zu stoppen. »Die nordafrikanischen Länder und Libanon schneiden allgemein besser ab als andere, während die Golfstaaten am wenigsten gegen die HIV/Aids-Epidemie unternehmen«, sagt Moalla und fügt hinzu, dass nur knapp jede fünfte Person, die mit HIV leben muss, in in der arabischen Welt die Medikamente erhält, die sie eigentlich braucht. IPS

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